petSpot
enpevetenpevita

Pferd: Gleichbeinlahmheit

Allgemeines

Weitere Bezeichnungen: Sesamoidose, Degenerative Gleichbeinerkrankung

Die beiden knöchernen Gleichbeine liegen an der Hinterseite des Fesselkopfes und etwas oberhalb des Gelenkspalts des Fesselgelenks. Sie sehen aus wie kleine Pyramiden. Die Gleichbeine gehören zu der Gruppe der so genannten Sesambeine. Sesambeine entwickeln sich dort, wo Sehnen sehr starken Druck auf die Knochen ausüben. Sie liegen also immer innerhalb einer Sehne oder verbinden zwei Sehnen miteinander. Andere Beispiele für Sesambeine sind das Strahlbein im Huf oder die Kniescheibe.

Abb. GQJ0PKSS
Abb. GQJ0PKSS: Gleichbeine im Präparat.

Die Vorderseiten der Gleichbeine bilden einen Teil der Gelenkfläche des Fesselgelenks. Auf ihrer Rückseite formt sich eine Rinne zwischen den beiden Gleichbeinen, in der die tiefe Beugesehne verläuft. Auf ihrer Unterseite sind die Gleichbeine über die so genannten Gleichbeinbänder mit dem Fesselbein verbunden. An der Spitze und an den Seiten der Gleichbeine setzt je ein Schenkel des sehnigen Musculus interosseus an, der von oben kommt. Damit sind die Gleichbeine ein Teil des Fesselträgers, der hilft, das Fesselgelenk zu stabilisieren.

Während der Bewegung sind die Gleichbeine beim Durchtreten des Beins einem großen Zug ausgesetzt: Von oben zieht der Musculus interosseus, von unten ziehen die Gleichbeinbänder. Außerdem drückt beim Abfußen die obere Gelenkfläche des Fesselgelenks, die vom Röhrbein gebildet wird, gegen die Gleichbeine. Diese enorme Belastung erklärt, warum die Gleichbeine immer wieder erkranken und Ursache von Lahmheiten werden.

Abb. GQJ0SQC9
Abb. GQJ0SQC9: Gleichbeine mit den wichtigsten Bändern.
Ansicht von hinten.

Ursachen

Unter dem Begriff „Gleichbeinlahmheit“ oder treffender als Sesamoidose bezeichnet werden alle chronischen Erkrankungen der Gleichbeine zusammengefasst. Meistens sind auch die benachbarten Sehnen und Bänder betroffen. Dies sind der Musculus interosseus, die Gleichbeinbänder, die tiefe Beugesehne und die Beugesehnenscheide. Als Ursache für diesen Erkrankungskomplex werden zwei Gründe diskutiert:

  1. Die Gleichbeine werden sehr schlecht durchblutet. Man könnte die Blutversorgung der Gleichbeine eigentlich schon als Fehlkonstruktion an sich beschreiben. Daher tritt bei einigen Pferden eine Mangelversorgung der Gleichbeinknochen und der ansetzenden Bändern auf.
  2. Starke Belastung der Gleichbeine und des Bandapparates durch die reiterliche Nutzung führt zu kleinsten Zerrungen und Zerreißungen an den Bändern. Unzureichende Hufkorrektur kann die Belastung zusätzlich verstärken. Diese kleinen Schäden betreffen auch die kleinen Blutgefäße, die die Gleichbeine versorgen. Die ohnehin schlechte Blutversorgung der Gleichbeine wird durch kleine Defekte zusätzlich gestört. Dies führt zu einer Mangelversorgung der Gleichbeine und der Bänder.

Als Folge der genannten Vorgänge entstehen beim Reparaturversuch des Körpers in den Bändern narbige Verdickungen, die auch verkalken und verknöchern können. An den Gleichbeinen selbst wird die Knochensubstanz porös, löchrig und es können sich Hohlräume bilden, die so genannten Zysten.

Leitsymptom

Lahmheit

Symptome

Bei der Sesamoidose entwickelt sich die Lahmheit ganz allmählich. Meistens sind beide Vorderbeine betroffen. Zunächst versuchen die Pferde, die Gleichbeine zu entlasten, indem sie ein vollständiges Durchdrücken des Fesselgelenks beim Auftreten vermeiden. Die Schrittphase verkürzt sich und im Stand stellen die Pferde die Vorderbeine etwas vor. Mit der Zeit lahmen die Pferde immer wieder, besonders bei Arbeit auf hartem Boden. Einige Pferde neigen auch zum Stolpern. Bei Druck auf die Gleichbeine und den Bandapparat reagieren die Pferde schmerzhaft.

Diagnose

  • Klinische Lahmheitsuntersuchung: Zur Diagnosestellung wird sich der Tierarzt das Pferd im Stand ansehen, um Gliedmaßenstellung und äußerlich sichtbare Umfangsvermehrungen zu beurteilen. Der erkrankte Bereich wird abgetastet, um die einzelnen Strukturen auf Veränderungen und Schmerzhaftigkeit zu untersuchen. Der Bewegungsablauf wird beurteilt. Dabei kann es sinnvoll sein, durch gezielte Beugung des Fesselgelenks eine Lahmheit zu provozieren oder zu verstärken. Man nennt dies auch Beugeprobe oder Provokationsprobe. Beim Vorliegen einer unklaren Lahmheit kann es nötig sein, den Schmerzherd durch den Einsatz von diagnostischen Anästhesien näher einzugrenzen: Dazu wird ein Betäubungsmittel an einen Nerven oder in ein Gelenk gespritzt und damit dieser Bereich betäubt. Wenn der schmerzhafte Prozess betäubt ist, geht das Pferd wieder lahmfrei.

Abb. GQJ11FMP
Abb. GQJ11FMP: Beugeprobe.
In dieser Abbildung sieht man eine Übersichtsbeugeprobe der Zehengelenke. Bei dieser Beugeprobe werden Fessel-, Kron- und Hufgelenk gleichzeitig gebeugt. So möchte man herausfinden, ob die Lahmheit aus diesen Bereichen stammt. Ist die Beugeprobe positiv, d.h. die Lahmheit verstärkt sich, kann man danach die einzelnen Gelenke beugen, um den Schmerzherd näher einzugrenzen.

  • Röntgen: Die Röntgenuntersuchung liefert weitere wertvolle Hinweise. Veränderungen der knöchernen Struktur der Gleichbeine oder kalkige und knöcherne Zubildungen im Bandapparat können so dargestellt werden.

Abb. GQJ14TMM
Abb. GQJ14TMM: Gleichbeine mit köchernen Zubildungen (Pfeile) im Präparat.
Die Zubildungen bilden kleine Nasen am äußeren Gleichbeinrand.

Behandlung

Degenerative Gleichbeinerkrankungen sind leider häufig nicht dauerhaft erfolgreich zu behandeln. Therapeutisch kommen Boxenruhe, entzündungshemmende Medikamente und wechselnde Verbände, die die Durchblutung anregen sollen zum Einsatz. Häufig gehen die Pferde jedoch nach einiger Zeit wieder lahm.

Neben den oben genannten konservativen Maßnahmen hat sich mit recht guten Resultaten auch eine Operation etabliert, die man perivaskuläre Sympathektomie nennt. Dabei werden bestimmt Nervenfasern durchtrennt, die zu einer Verengung der Blutgefäße führen. Nach der Operation können sich die Blutgefäße nicht mehr verengen, so dass die Durchblutung insgesamt verbessert wird.

Kombiniert werden alle Maßnahmen mit einem orthopädischen Hufbeschlag, der die Gleichbeinregion entlasten soll.

Prognose

Bei der Sesamoidose sind die Aussichten auf eine vollständige Heilung gering. Allerdings kann man durchaus beschwerdefreie Phasen erreichen, in denen das Pferd weiterhin reiterlich genutzt werden kann.

Verwandte Themen

Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
Jetzt mitdiskutieren!
- Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert -

Das von der enpevet GmbH bereitgestellte Informationsangebot ist ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt und ersetzt in keinem Falle eine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen Tierarzt. Die Informationen dienen also der Ergänzung des Dialogs zwischen Tierhalter und Tierarzt, sie können den Tierarztbesuch in keinem Falle ersetzen. enpevet® fordert alle Benutzer, deren Tiere Gesundheitsproblemen haben dazu auf, im Bedarfsfall immer einen Tierarzt aufzusuchen. Wenn Sie bezüglich der Gesundheit Ihres Tieres Fragen haben, raten wir Ihnen, sich an den Tierarzt Ihres Vertrauens zu wenden, anstatt Behandlungen eigenständig zu beginnen, zu verändern oder abzusetzen. Der Inhalt von enpevet® kann und darf nicht für die Erstellung eigenständiger Diagnosen oder für die Auswahl und Anwendung von Behandlungsmethoden verwendet werden.