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Pferd: Gleichbeinbruch

Allgemeines

Weitere Bezeichnung: Gleichbeinfraktur

Die beiden knöchernen Gleichbeine liegen an der Hinterseite des Fesselkopfes und etwas oberhalb des Gelenkspalts des Fesselgelenks. Sie sehen aus wie kleine Pyramiden. Die Gleichbeine gehören zu der Gruppe der so genannten Sesambeine. Sesambeine entwickeln sich dort, wo Sehnen sehr starken Druck auf die Knochen ausüben. Sie liegen also immer innerhalb einer Sehne oder verbinden zwei Sehnen miteinander. Andere Beispiele für Sesambeine sind das Strahlbein im Huf oder die Kniescheibe.

Abb. GQI5WMY0
Abb. GQI5WMY0: Gleichbeine im Präparat.

Die Vorderseiten der Gleichbeine bilden einen Teil der Gelenkfläche des Fesselgelenks. Auf ihrer Rückseite formt sich eine Rinne zwischen den beiden Gleichbeinen, in der die tiefe Beugesehne verläuft. Auf ihrer Unterseite sind die Gleichbeine über die so genannten Gleichbeinbänder mit dem Fesselbein verbunden. An der Spitze und an den Seiten der Gleichbeine setzt der sehnige Musculus interosseus an, der von oben kommt. Damit sind die Gleichbeine ein Teil des Fesselträgers, der hilft, das Fesselgelenk zu stabilisieren.

Während der Bewegung sind die Gleichbeine beim Durchtreten des Beins einem großen Zug ausgesetzt: Von oben zieht der Musculus interosseus, von unten ziehen die Gleichbeinbänder. Außerdem drückt beim Abfußen die obere Gelenkfläche des Fesselgelenks, die vom Röhrbein gebildet wird, gegen die Gleichbeine. Diese enorme Belastung erklärt, warum die Gleichbeine immer wieder erkranken und Ursache von Lahmheiten werden.

Abb. GQI617XY
Abb. GQI617XY: Gleichbeine mit den wichtigsten Bändern. Ansicht von hinten.

Ursachen

Drei Faktoren begünstigen das Auftreten eines Gleichbeinbruchs: Ermüdung, Vorschädigung, Trauma. Diese Faktoren können auch gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken.

  • Ermüdungsbruch: Gleichbeinbrüche treten überwiegend beim jungen Pferd und auch schon beim Fohlen unter der Belastung auf. Bei Fohlen mit starker Durchtrittigkeit kommt es besonders häufig zum Gleichbeinbruch. Junge Pferde sind noch nicht so trainiert und erreichen schneller ihre Belastungsgrenze. Es wird davon ausgegangen, dass bei ermüdeten Pferden die Gleichbeine eher brechen. Ermüdete Muskeln verkrampfen sich und verkürzen sich dabei, so dass sie nicht mehr so elastisch auf die Zugbelastungen bei der Bewegung reagieren können. Sie können weniger nachgeben, so dass automatisch mehr Spannung auf die Sehnen übertragen wird. Da die Gleichbeine ein Teil des ansonsten sehnigen Fesseltrageapparats sind, werden auch sie stärker belastet und können daher eher brechen.
  • Vorschädigung: Die Gleichbeine sind generell wenig gut durchblutet. Dies kann bereits zu einer Vorschädigung der Knochenstruktur im Sinne einer Sesamoidose geführt haben. Der Knochen ist dann weniger stabil und bricht leichter.
  • Trauma: Fehltritte oder äußere Einwirkungen z.B. der Tritt eines anderen Pferdes können ebenfalls eine Gleichbeinfraktur verursachen.

Bei unseren Reitpferden treten Gleichbeinfrakturen häufiger an den Vorderbeinen auf, da diese durch die reiterliche Nutzung in der Regel stärker belastet werden als die Hinterbeine.

Bei der Beurteilung von Gleichbeinbrüchen schaut man besonders auf folgende Faktoren, die wichtig für das weitere therapeutische Vorgehen und für die Prognose sind:

  • Ein Gleichbein oder beide Gleichbeine betroffen?
  • Vorderbein oder Hinterbein betroffen?
  • Mit Eröffnung der Haut (offene Fraktur) oder ohne (gedeckte Fraktur)?
  • Mit Beteiligung des Fesselgelenks oder ohne?
  • Lage der Bruchlinie (quer und mittig, Abriss der Gleichbeinspitze, Abriss der Gleichbeinbasis, Längsfrakturen, Trümmerfraktur)
  • Mit Versprengung der Knochenteile oder ohne?
  • Verletzungen von Bändern und Sehnen?

Abb. GQI65ZRN
Abb. GQI65ZRN: Bruchformen der Gleichbeine.

Leitsymptom

Lahmheit

Symptome

Die Symptome beim Gleichbeinbruch können stark variieren. Die unterschiedlichen Bruchformen führen auch zu verschiedenen Lahmheitsbildern. Bei einem Querbruch beider Gleichbeine treten besonders drastische Symptome auf: Wie bei einem Sehnendurchriss ist das Pferd plötzlich extrem durchtrittig, die Rückseite des Fesselgelenks berührt fast den Boden. Diese Pferde haben sofort sehr starke Schmerzen. Andere Bruchformen haben mildere Symptome. Eine Lahmheit kann auch allmählich zunehmen. In jedem Fall schwillt der betroffene Bereich an und ist bei der Berührung schmerzhaft.

Diagnose

  • Klinische Lahmheitsuntersuchung: Zur Diagnosestellung wird sich der Tierarzt das Pferd im Stand ansehen, um Gliedmaßenstellung und äußerlich sichtbare Umfangsvermehrungen zu beurteilen. Der erkrankte Bereich wird abgetastet, um die einzelnen Strukturen auf Veränderungen und Schmerzhaftigkeit zu untersuchen. Liegt eine Lahmheit vor, so wird diese in der Bewegung begutachtet, sofern der Zustand des Pferdes dies erlaubt. Dabei kann es sinnvoll sein, durch gezielte Beugung des Fesselgelenks eine Lahmheit zu provozieren oder zu verstärken. Man nennt dies auch Beugeprobe oder Provokationsprobe. Beim Vorliegen einer unklaren Lahmheit kann es nötig sein, den Schmerzherd durch den Einsatz von diagnostischen Anästhesien näher einzugrenzen: Dazu wird ein Betäubungsmittel an einen Nerven oder in ein Gelenk gespritzt und damit dieser Bereich betäubt. Wenn der schmerzhafte Prozess betäubt ist, geht das Pferd wieder lahmfrei. Allerdings gelingt es bei einer Gleichbeinfraktur nicht immer, den Schmerz mit den diagnostischen Anästhesien auszuschalten. Außerdem sollte man bei Frakturverdacht mit diagnostischen Anästhesien vorsichtig sein, da man verhindern sollte, dass ein Pferd das gebrochene Bein nach der Schmerzausschaltung wieder vollständig belastet und damit den Bruch noch verkompliziert.
  • Röntgen : Die Röntgenuntersuchung ist unerlässlich zur weiteren Diagnosesicherung. Bruchlinien können dabei ebenso dargestellt werden wie Veränderungen der knöchernen Struktur der Gleichbeine oder kalkige und knöcherne Zubildungen im Bandapparat, die auf eine Sesamoidose hindeuten.

Behandlung

Je nach Frakturform muss entschieden werden, ob der Knochenbruch konservativ, d.h. mit stützenden Verbänden und Boxenruhe behandelt werden kann oder ob operiert werden muss. Leider wachsen die Gleichbeine aufgrund ihrer schlechten Durchblutung nur sehr schlecht oder manchmal sogar gar nicht wieder zusammen, wenn sie nicht operiert werden. Daher wendet man bei der Operation die Osteosynthese an: Dabei werden die Bruchstücke zum Beispiel durch Schrauben miteinander verbunden. Die Bruchteile liegen dann ganz eng aneinander und der Körper muss weniger neue Knochensubstanz produzieren, um die Bruchlinie zu stabilisieren. Außerdem sind die Bruchstücke in ihrer Lage fixiert, d.h. im Bruchspalt findet keine Bewegung statt, so dass die Heilung ungestört verlaufen kann.

Es kann auch nötig sein, Bruchstückchen ganz zu entfernen, wenn sie nicht mehr mit dem Rest verbunden werden können.

Wenn ein Bruchstück durch den Zug des anhaftenden Musculus interosseus stark verlagert wurde, kann ein Teil dieses sehnigen Muskels durchtrennt werden. Dadurch wird die Spannung vermindert und das Bruchstück kann wieder mit dem Gleichbeinrest verbunden werden. In seltenen Fällen wird auch Knochenmaterial aus einem anderen Knochen entnommen und zwischen die Bruchstücke aufgebracht, um die Heilung zu beschleunigen. Nach der Operation folgt eine monatelange Phase der Boxenruhe und der Ruhigstellung der Gliedmaße mit einem Stützverband.

Abb. GQI6ECVI
Abb. GQI6ECVI: Cast-Verband.

Prognose

Die Prognose bei einem Gleichbeinbruch hängt sehr stark vom Frakturtyp und von den Schäden an Bändern und Sehnen ab. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Wiederherstellung der reiterlichen Nutzung des Pferdes eher gering. Oftmals zielen die therapeutischen Maßnahmen darauf ab, dem Pferd ein beschwerdefreies Leben und ggf. eine züchterische Nutzung zu ermöglichen.

ACHTUNG

Bei einer Gleichbeinfraktur wird das Pferd während der Heilungsphase das gesunde Vorderbein über einen sehr langen Zeitraum sehr stark belasten, da es sein Gewicht überwiegend auf dieses Bein verlagert. Als Komplikation kann sich an diesem Bein eine Belastungs- Rehe ausbilden. Um dem vorzubeugen, kann das gesunde Bein zur Entlastung mit einem speziellen Beschlag hochgestellt werden.

Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
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