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Pferd: Gallen

Allgemeines

Weitere Bezeichnungen: Hydrops, Hygrom, Idiopathische Synovialitis

Als Galle wird eine verstärkte Füllung oder ein Erguss

  • einer Gelenkkapsel,
  • eines Schleimbeutels oder
  • einer Sehnenscheide bezeichnet,

bei der in der Regel keine Entzündung vorliegt und die nicht zu einer Lahmheit führt.

Gelenkkapsel, Schleimbeutel und Sehnenscheide sind sehr ähnlich aufgebaut:

  1. Sie haben eine mehrschichtige Wand. Die innerste Schicht der Wand nennt man auch Synovialmembran.
  2. Sie sind flüssigkeitsgefüllt. Die Flüssigkeit ist bei allen drei Einrichtungen ähnlich zusammengesetzt und wird als Synovia oder Synovialflüssigkeit bezeichnet. Sie wird von der Synovialmembran gebildet.

Eine Gelenkkapsel umschließt ein Gelenk. Sie ist über die Knochenhaut mit dem Knochen verbunden. Schleimbeutel und Sehnenscheiden dienen als eine Art Schutzkissen: Sie polstern Bereiche aus, an denen Sehnen oder die Haut besonders geschützt werden müssen.

Kennzeichnend für Sehnenscheiden ist, dass sie die Sehnen vollständig umhüllen. Alle anderen Schutzkissen werden Schleimbeutel genannt.

Abb. GQF5B7UI
Abb. GQF5B7UI: Schematischer Aufbau einer Gelenkkapsel.

Abb. GQF5CFIP
Abb. GQF5CFIP: Schematischer Aufbau eines Schleimbeutels und einer Sehnenscheide.

Ursachen

Grundsätzlich handelt es sich bei einer Galle immer um eine vermehrte Bildung von Synovialflüssigkeit. Diese wird durch eine Reizung der Synovialmembran hervorgerufen. Dieser Erguss führt zu einer Ausbuchtung der Kapsel-, Schleimbeutel- oder Sehnenscheidenwand. Nun kann sich die Wand nur dahin ausdehnen, wo keine Sehnen oder Bänder über sie hinweg ziehen. Daher treten Gallen immer nur an ganz bestimmten Stellen auf.

Folgende Ursachen können zu einer Überproduktion von Synovialflüssigkeit führen:

  • Fehlstellung der Gliedmaße
  • Arthritis: Aus einer Gelenkentzündung kann eine Galle werden, wenn nach Abklingen der Entzündung die vermehrte Füllung des Gelenks bestehen bleibt
  • Kleine, wiederkehrende Traumata wie winzige Quetschungen der Synovialmembran
  • Einmaliger Stoß: Auch ein einmaliges Ereignis kann bereits eine Galle hervorrufen
  • Harte Arbeit: Hartes Training besonders junger Pferde ist oftmals ein Grund für Gallenbildung insbesondere im Fesselbereich
  • Eine Lahmheit auf dem anderen Bein führt zu einer vermehrten Belastung des gesunden Beins und kann damit zur Gallenbildung anregen
  • Ein Mangel in der Mineralstoffversorgung wird insbesondere bei der Gallenbildung beim Fohlen als Ursache diskutiert
  • Gallen treten auch als Begleiterscheinung bei anderen Erkrankungen wie z.B. Gelenkchips auf

Einige Gallen treten recht häufig auf und haben daher eigene Bezeichnungen erhalten:

Kreuzgalle tritt am Sprunggelenk auf und bezeichnet eine Aussackung der Gelenkkapsel des großen Gelenks. Die auffälligste Vorwölbung sieht man an der Vorderseite des Sprunggelenks, daneben kann sich der Gelenksack auch noch seitlich vorwölben.

Piephacke: Als Piephacke bezeichnet man einen Erguss eines Schleimbeutels, der auf dem Fersenbeinhöcker direkt unter der Haut liegt. Der Erguss entsteht meistens durch wiederholtes Schlagen des Hinterbeins gegen Wände. Oft handelt es sich dabei um so genannte Stereotypien, also wiederkehrende Verhaltensweisen des Pferdes z.B. bei der Fütterung. Durch die Schläge wird der Schleimbeutel gequetscht. Daher liegt im akuten Krankheitsfall oft auch eine nicht-infektiöse Entzündung des Schleimbeutels vor. Hautquetschungen, Bluterguss, Knochenabsplitterung und -zubildungen können durch die Schläge ebenfalls entstehen und Schmerzen verursachen. Je nach Umfang der Gewebeschädigung entwickelt sich entweder ein harmloser Schleimbeutelerguss oder eine weiterführende, schwerwiegende Erkrankung: Wenn die Haut durch die Schläge verletzt wurde, können Bakterien in die Hautwunde eindringen und diese infizieren. Diese meist eitrige bakterielle Infektion kann sich ausdehnen und auf den Schleimbeutel übergreifen. Die daraus entstehende eitrige Schleimbeutelentzündung ist eine ernsthafte Erkrankung.

Abb. GQF7SD54
Abb. GQF7SD54: Piephacke.

Eiergalle: Als Eiergalle wird eine Schwellung am Sprunggelenk bezeichnet, die sich seitlich neben dem Fersenbeinhöcker ausbuchtet. Sie wird hervorgerufen durch einen Erguss eines Schleimbeutels, der einerseits zwischen dem Fersenbeinhöcker und der direkt darüber ziehenden Achillessehne liegt. Zum anderen dehnt sich der Schleimbeutel aber noch weiter aus und liegt so nicht nur unter, sondern auch auf der Achillessehne. Hier sorgt er dafür, dass die oberflächliche Beugesehne, die wiederum über die Achillessehne läuft, reibungslos gleiten kann.

Kurbengalle: Als Kurbengalle bezeichnet man Vorwölbungen seitlich am Sprunggelenk, die sowohl auf der Innenseite als auch an der Außenseite ausgeprägt sein können. Gelegentlich kann die Schwellung auch hinten unterhalb des Fersenbeinhöckers auftreten. Es handelt sich um einen Erguss der Sprunggelenkbeugesehnenscheide.

Stollbeule, Ellenbogenbeule oder Liegebeule: Als Stollbeule bezeichnet man eine Umfangsvermehrung im Bereich des Ellenbogenhöckers, die tennisballgroß sein kann. Sie entsteht häufig dann, wenn die Stollen nach der Arbeit nicht entfernt werden und so beim Liegen Druck auf den Ellenbogenschleimbeutel ausüben. Auch Hufeisen mit sehr langen Schenkeln können diese Wirkung haben. Im Anfangsstadium liegt oftmals eine nicht-infektiöse Entzündung des Schleimbeutels vor, die leicht übersehen wird. Werden die Ursachen nicht abgestellt, so entwickelt sich mit der Zeit ein Schleimbeutelerguss. In schlimmeren Fällen kann die Haut erheblich verletzt werden und das Unterhautgewebe schwer geschädigt werden. Die Wunde kann sich mit Bakterien infizieren und diese oft eitrige Infektion kann auf den Schleimbeutel übergreifen.

Windgalle: Windgalle ist eigentlich ein allgemeiner Ausdruck für Gallen. Er wird aber häufig für die Gallen der Fesselbeugesehnenscheide verwendet.

Steingalle: Die Steingalle ist keine Galle im eigentlichen Sinne. Als Steingalle bezeichnet man Verfärbungen des Hufhorns, die durch eine Verletzung der Huflederhaut entstanden ist.

Abb. GQF84PJ3
Abb. GQF84PJ3: Häufigste Gallen beim Pferd.

Leitsymptom

Schwellung

Symptome

Bei allen Gallen tritt zunächst eine weiche Schwellung auf. Die Berührung der Galle verursacht dem Pferd in der Regel keine Schmerzen. Entzündungsanzeichen wie vermehrte Wärme des betroffenen Bereichs sind nicht festzustellen. Die Pferde zeigen auch keine Lahmheit. Nur sehr große Gallen können zu einem rein mechanischen Hindernis beim Bewegungsablauf werden. Wenn eine Galle sehr lange besteht, kann sich vermehrt Bindegewebe in dem Gewebe bilden. Die Gallen fühlen sich dann derb und hart an.

Anders sehen die Symptome aus, wenn die Galle mit Bakterien infiziert wird. Besonders häufig kommt es bei der Stollbeule oder der Piephacke zu einer bakteriellen Infektion des Schleimbeutels, grundsätzlich kann jedoch jede andere Galle auch davon betroffen sein: In diesen Fällen treten vermehrte Wärme, Schmerzhaftigkeit und Lahmheit auf. Meist entleert sich dann auch eitrige Flüssigkeit über die Wundöffnung.

Diagnose

In vielen Fällen kann der erfahrene Untersucher die Diagnose bereits anhand des klinischen Bildes stellen.

Wenn der Verdacht auf eine Begleiterkrankung besteht, sollten weiterführende Untersuchungen durchgeführt werden:

Eine Ultraschalluntersuchung kann helfen, andere Erkrankungen der Sehnenscheiden oder auch der Sehnen auszuschließen. Außerdem kann die Flüssigkeit in der Galle beurteilt werden und ggf. auch Verwachsungen sichtbar gemacht werden.

In einigen Fällen kann auch eine Röntgenuntersuchung sinnvoll sein, um Knochenerkrankungen auszuschließen.

Behandlung

Wenn keine Begleiterkrankung vorliegt, muss eine Galle aus medizinischer Sicht normalerweise nicht therapiert werden. Eventuell kann es vor allem bei jungen Pferden sinnvoll sein, das Training zu reduzieren.

Wenn aus kosmetischer Sicht eine Behandlung doch gewünscht wird, kann man versuchen, die Gallen durch Abziehen der Flüssigkeit zu verkleinern. Gleichzeitig werden entzündungshemmende Medikamente in die Galle gespritzt, denn ein reines Abziehen der Flüssigkeit führt zumeist nur zu einer erneuten Füllung der Galle. Die Therapie kann durch Bandagieren des Beins unterstützt werden. In einigen Fällen erreicht man bereits durch das regelmäßige Bandagieren des Beins eine Verkleinerung der Gallen.

Liegen allerdings Anzeichen für eine Entzündung vor, so muss diese möglichst schnell behandelt werden, bevor sich die Erkrankung ausweitet. Grundsätzliches zum Thema Sehnenscheidenentzündung und Gelenkentzündung (Arthritis) finden Sie im entsprechenden Kapitel.

Sonderfälle sind die Entzündungen der Piephacke und der Stollbeule, die folgendermaßen behandelt werden:

Piephacke:

  • Eine nicht-infektiöse Entzündung des Schleimbeutels kann mit entzündungshemmenden Einreibungen oder Injektionen behandelt werden. Auch kaltes Duschen und ein stützender Verband können sinnvolle Maßnahmen sein.
  • Bei Hautverletzungen und bakterieller Infektion der Wunde oder des Schleimbeutels werden entzündungshemmende Medikamente und Antibiotika eingesetzt. Feuchte Verbände können helfen, die Entzündung lokal zu bekämpfen. Ggf. muss der Schleimbeutel mit desinfizierenden Lösungen gespült werden. Als letzter Ausweg kann der Schleimbeutel auch operativ entfernt werden. Knochenteilchen, die durch den Stoß vom Fersenbeinhöcker abgebrochen sind, können je nach Lage und Größe der Teilchen ebenfalls operativ entfernt werden. Liegen keine offene Hautverletzung, keine Infektion und keine Veränderungen an den Knochen vor, gilt für die Piephacke ebenso wie für die anderen Gallen, dass sie lediglich ein kosmetisches Problem darstellt und auf eine Behandlung aus medizinischer Sicht verzichtet werden kann. Man sollte allerdings versuchen, die Ursachen für wiederholtes Schlagen gegen die Boxenwand abzustellen. Das Pferd muss abgelenkt werden, beispielsweise durch einen Boxennachbarn, Beschäftigungsmaterial, Weidegang, Raufutter etc.

Stollbeule: Wie auch bei der Piephacke bedarf es bei der Stollbeule einer Therapie, wenn der Schleimbeutel entzündet ist.

  • Nicht-infektiöse Entzündungen des Schleimbeutels werden analog zur Piephacke behandelt. Ist die nicht-infektiöse Entzündung bereits in das chronische Stadium eines massiven Ergusses übergegangen, so kann versucht werden, die Stollbeule zu eröffnen und zu veröden. Dazu werden über mehrere Tage reizende Substanzen in die Höhle eingebracht mit dem Ziel, die Wand des Schleimbeutels narbig zu verändern. So kann keine Flüssigkeit mehr gebildet werden. Oftmals ist es allerdings besser, den gesamten Schleimbeutel operativ zu entfernen.
  • Infektiöse Entzündung: Ist der Schleimbeutel bakteriell infiziert, so wird zunächst die Entzündung durch die Gabe von Antibiotika behandelt und der erkrankte Schleimbeutel nach Abklingen der Entzündungsanzeichen operativ entfernt.

Prognose

Einmal gebildete Gallen begleiten das Pferd oft lebenslang. Bislang gibt es keine sichere Behandlung, die zu einem dauerhaften Verschwinden einer Galle führt. Im Normalfall behindern Gallen aber das Pferd nicht und schränken die reiterliche Nutzung nicht ein.

Etwas anders sieht die Prognose bei einer Entzündung aus. Bei einer nicht-infektiösen Entzündung ist bei frühzeitig eingeleiteter Behandlung ebenfalls mit einer vollständigen Heilung zu rechnen. Die Prognose bei einer bakteriellen Infektion ist hingegen vorsichtig zu stellen: Die bakterielle Entzündung kann auf umliegende Strukturen wie Sehnen und Gelenke übergreifen. Weitreichende Gewebeschäden können die Bewegung dauerhaft einschränken.

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Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
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