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Pferd: Zahnerkrankungen

Allgemeines

Die häufigsten Zahnprobleme entstehen im Zahnwechsel, durch Zahnhaken oder beim alten Pferd, daher werden diese Themen in eigenen Kapiteln behandelt.

Daneben gibt es aber weitere Zahnerkrankungen, die zum Teil zu erheblichen Problemen führen können.

Um diese Erkrankungen besser verstehen zu können, muss man über den Zahnaufbau beim Pferd Bescheid wissen:

Ein Zahn besteht aus der sichtbaren Zahnkrone, dem vom Zahnfleisch umgebenen Zahnhals und der Zahnwurzel, die im Knochen verankert ist. Schneidezähne haben nur eine Wurzel, während Backenzähne mehrere Wurzeln haben. Durch kleine Öffnungen in den Wurzelspitzen dringen Nerven, Blut- und Lymphgefäße in das Innere des Zahns, die so genannte Pulpahöhle. Das Zahnfach, in dem der Zahn im Knochen eingebettet ist, nennt man auch Alveole.

Zähne bestehen aus dem sehr harten Zahnschmelz, dem etwas weniger harten Dentin, das den Hauptteil der Zahnsubstanz ausmacht, und dem Zement, das den Zahn außen umgibt und die Verbindungsschicht zum Knochen herstellt.

Abb. GR66ABIO
Abb. GR66ABIO: Längsschnitt durch einen bleibenden Schneidezahn im Unterkiefer eines Pferdes.

Das Pferd hat im Gegensatz zum Menschen keinen vollständigen Schmelzüberzug über der Zahnkrone, sondern der Schmelz bildet Einstülpungen auf der Kaufläche. Tiefe Einstülpungen, die nur mit weichem Zement gefüllt sind werden Schmelzbecher oder Infundibula genannt. An den Schneidezähnen bilden die Infundibula die so genannten Kunden, die zur Zahnaltersbestimmung herangezogen werden können (s. Zahnwechsel). An den Oberkieferbackenzähnen gibt es pro Zahn zwei solcher Infundibula. An den Unterkieferbackenzähnen sind die Einstülpungen nicht so tief und nur mit Dentin gefüllt.

Auf der Kaufläche gibt es also leistenartige Bereiche von hartem Zahnschmelz und Bereiche von weicherem Dentin bzw. Zement. Beim Kauen reiben sich die weicheren Substanzen schneller ab, so dass eine unebene Fläche entsteht. Ähnlich einer Feile erhöht dieses Relief die Effektivität beim Kauen.

Ursachen

In diesem Artikel werden drei Zahnerkrankungen behandelt:

Infundibularkaries: Karies beim Pferd tritt überwiegend an den mit Zement gefüllten Schmelzbechern der Oberkieferbackenzähne auf, daher spricht man auch von Infundibularkaries. Der erste bleibende Backenzahn (1.Molar) ist besonders häufig betroffen, weil er der älteste Zahn im Pferdegebiss ist. Der Zement in den Infundibula ist weich und wird daher leichter abgerieben als der Schmelz. Es bilden sich Mulden, in denen sich insbesondere kohlenhydratreiches Kraftfutter oder Zucker festsetzen. Durch Bakterien in der Maulhöhle wird das Futter zersetzt und es bilden sich Säuren, die die Zahnsubstanz angreifen können. Es entsteht Karies, der sich in die Tiefe frisst und schließlich bis in die Pulpahöhle eindringen kann. Über die Pulpahöhle können die Bakterien bis in den Knochen gelangen und auch dort zu einer Entzündung führen. Auch ein Durchbruch in die benachbarte Kieferhöhle ist möglich mit der Folge einer Nasennebenhöhlenentzündung. Durch die Zerstörung seiner Substanz wird der Zahn brüchig und kann der Länge nach durchbrechen. Infundibularkaries beobachtet man häufig bei älteren Pferden und bei Pferden mit Fehlstellungen der Zähne oder Zahnhaken.

EOTRH: EOTRH ist eine erst seit ein paar Jahren beachtete Erkrankung der Schneide- und Hengstzähne älterer Pferde. Meistens sind alle Schneidezähne und die Hengstzähne mehr oder weniger betroffen.

Zu Beginn fällt eine äußerst schmerzhafte Zahnfleischentzündung auf, die zu Taschenbildung führt. In den Taschen bildet sich häufig Eiter, der sich auf Druck entleert und zu Abszessen und Fistel-Gängen in der Maulschleimhaut führen kann. Wenn sich die Erkrankung auf das Zahnfach ausdehnt, lockern sich die Zähne und wackeln. Die Zahnsubstanz an der Wurzel und an den seitlichen Zahnflächen, seltener auf der Kaufläche, wird angegriffen und stellenweise aufgelöst. Im schlimmsten Fall reicht die Zerstörung bis in die Pulpahöhle. Am Zahnhals und an der Zahnwurzel bilden sich dicke Zementzubildungen, die sich auf den ganzen Zahn ausdehnen können. Außerdem neigen diese Pferde zu Zahnstein. Die genaue Ursache der Erkrankung ist noch unbekannt. Gesichert ist, dass vermehrt Zellen auftreten, die Zahnsubstanz abbauen, so genannte Odontoklasten. Gleichzeitig wird unverhältnismäßig viel Zement gebildet (Hyperzementose).

Erkrankungen des Zahnhalteapparates (Periodontische Zahnerkrankungen, Parodontitis): Diese Erkrankung befällt nur die Backenzähne. Sie beginnt mit einer Zahnfleischentzündung. Es bilden sich Taschen im geschwollenen Zahnfleisch, in denen Futter hängen bleibt und von Bakterien zersetzt wird. Durch diesen Vorgang dehnt sich die Entzündung aus und befällt schließlich auch das knöcherne Zahnfach. Der Knochen wird aufgelöst und der Zahn beginnt zu wackeln. Durch vermehrte Zementbildung versucht der Körper, den Bereich zu stabilisieren, was aber nur unzureichend gelingt. Es bildet sich häufig Eiter, der am Oberkiefer in die benachbarte Kieferhöhle durchbrechen kann und dort zu einer Nasennebenhöhlenentzündung führt. Am Unterkiefer kann sich eine Fistel bilden, d.h. der Eiter sucht sich einen Ausgang nach draußen. Außerdem kann die Entzündung die Zahnwurzelspitze erreichen und von dort in die Pulpahöhle vordringen.

Als Ursachen für die Zahnfleischentzündung werden Fehlstellungen der Zähne oder Zahnhaken, fehlerhafte Fütterung mit zu geringem Raufutteranteil und Mineralstoffimbalancen sowie Veranlagung diskutiert. Häufig sind jüngere Pferde betroffen.

Ansteckung

Diese Zahnerkrankungen sind nicht ansteckend.

Leitsymptom

  • Kaustörungen
  • Zahnfleischentzündung
  • Nasenausfluss
  • Abmagerung

Symptome

Als erstes Symptom einer Zahnerkrankung fällt meistens auf, dass die Pferde nicht mehr richtig kauen und fressen. Manche Pferde kauen Wickel, d.h. sie drehen Raufutter und manchmal auch Gras zu zigarrenförmigen Wickeln, die ihnen aus dem Maul fallen.

Abb. GR66LQTW
Abb. GR66LQTW: Futterwickel.
Bei Pferden mit Kauproblemen findet man bei genauem Hinsehen längliche Heuwickel in der Einstreu.

Auch beim Reiten nehmen die Pferde das Gebiss häufig nicht mehr an, verwerfen sich im Genick oder zeigen Headshaking. Mit der Zeit verlieren die Pferde an Gewicht und Kondition.

Eine Zahnfleischentzündung fällt durch gerötetes und geschwollenes Zahnfleisch auf, um den Zahnhals bilden sich Taschen. Diese können mit gelblichem Eiter gefüllt sein. Das Zahnfleisch kann auch zurückweichen und den Zahnhals freilegen. Bei EOTRH bilden sich auch Pusteln auf dem Zahnfleisch.

Abb. GR66PH7E
Abb. GR66PH7E: EOTRH.
Geschwollenes Zahnfleisch mit kleinen Pusteln und Zementzubildungen kennzeichnen diese Erkrankung.

Die Hyperzementose führt zu Zementzubildungen an den Zähnen. Diese Zubildungen lassen sich nicht abkratzen und haben eine grau-gelbliche, raue Oberfläche, auf der sich leicht Zahnstein bildet.

Abb. GR66QWTM
Abb. GR66QWTM: EOTRH.
In dieser Abbildung erkennt man gut die Zementzubildungen an den Zahnhälsen der Schneidezähne und am Hakenzahn. Auch Zahnstein hat sich gebildet. Außerdem ist das Zahnfleisch stark geschwollen und zurückgegangen.

Zahnkaries oder angegriffene Zahnsubstanz erkennt man an dunklen Verfärbungen der Zahnsubstanz.

Pferde mit Zahnerkrankungen haben häufig einen sehr unangenehmen Geruch aus dem Maul. Wenn eine Zahnentzündung in die Kieferhöhle durchbricht, hat das Pferd einseitigen, meistens übelriechenden eitrigen Nasenausfluss.

Diagnose

Zur Diagnosestellung wird zunächst die Maulhöhle des Pferdes eingehend klinisch untersucht. Dazu muss das Maul des Pferdes durch ein Maulgatter oder einen Maulspreizer aufgestellt werden, um auch die Backenzähne komplett und gefahrlos einsehen zu können. Viele Pferde werden dazu durch eine kurze Sedierung ruhig gestellt.

Um das Zahnfach, die Zahnwurzel und die Kieferhöhle beurteilen zu können, werden Röntgenbilder des Schädels angefertigt. Unter Umständen können auch die Computertomographie oder Magnetresonanztomographie des Schädels und die Endoskopie der Nasengänge weiteren Aufschluss über die Erkrankung und ihren Schweregrad geben.

Behandlung

Infundibularkaries: Karies kann wie beim Menschen mit einem Bohrer ausgebohrt und das Loch gefüllt werden. Auch Wurzelbehandlungen sind inzwischen möglich. Häufig sind jedoch die Veränderungen so ausgeprägt, dass der Zahn gezogen werden muss. In einfachen Fällen kann der Zahn mit einer Zahnzange herausgezogen werden. Wenn der Zahn zu fest sitzt, muss er von der Wurzelseite her herausgestempelt werden. Dazu wird im Oberkiefer die Kieferhöhle operativ eröffnet (Trepanation oder Bone-flap-Technik) und der Zahn herausgemeißelt. Im Anschluss an das Zähneziehen muss die Wundhöhle über mehrere Tage gespült werden. Besteht eine Öffnung zwischen Maulhöhle und Kieferhöhle, so wird sie mit einer Masse verschlossen, bis sie zugeheilt ist.

EOTRH: Die Entzündung kann versuchsweise durch desinfizierende Lösungen und Reinigung der Zähne und des Zahnfleisches behandelt werden. Die Schneidezähne können gekürzt werden, um die Zähne zu entlasten. Häufig müssen jedoch die Schneidezähne ganz gezogen werden, um die Entzündung zum Stillstand zu bringen.

Erkrankungen des Zahnhalteapparates: Zu Beginn der Erkrankung kann über eine Reinigung der Zahntasche und Kürzen der Zahnkrone versucht werden, die Entzündung zum Stillstand zu bringen. Häufig muss der befallene Zahn jedoch gezogen werden.

Bei Beteiligung der Kieferhöhle muss diese Nasennebenhöhlenentzündung entsprechend behandelt werden.

Abb. GR66YP3R
Abb. GR66YP3R: Spülung der Kieferhöhle.
Über ein kleines Loch im Knochen wird Spülflüssigkeit in die Kieferhöhle eingebracht. Sie läuft über die Nase wieder ab.

Prognose

Oft werden Zahnerkrankungen erst sehr spät bemerkt, so dass die erkrankten Zähne häufig nur noch gezogen werden können. Meistens können die Pferde danach wieder problemlos fressen. Die Zähne müssen aber häufiger kontrolliert werden, da der Gegenspieler im gegenüberliegenden Kiefer nun nicht mehr abgerieben wird und unkontrolliert wächst. Es bildet sich sonst ein so genannter Meißelzahn, der die Kautätigkeit erheblich einschränkt.

EOTRH ist an sich unheilbar. Wenn die Schneidezähne gezogen wurden, kommt die Entzündung aber in der Regel zum Stillstand und die Pferde kommen gut mit der Situation zurecht. Sie können sogar wieder Gras fressen, indem sie es mit den Lippen abrupfen. Nur der Besitzer muss sich an den Anblick gewöhnen, denn dem Pferd hängt häufig die Zunge aus dem Maul.

Alle Zahnerkrankungen können im fortgeschrittenen Zustand aber zu so weitreichenden Auflösungserscheinungen im Knochen führen, dass das Pferd eingeschläfert werden sollte, um weitere Schmerzen zu vermeiden.

Vorbeugung

Kauen von Raufutter wirkt beim Pferd wie Zähneputzen: Oberflächliche Zahnsubstanz und Futterreste werden dabei abgeschmirgelt. Deshalb sollte ein Pferd den ganzen Tag über Heu, Stroh oder Gras fressen dürfen, ganz so, wie die Natur es vorgesehen hat.

Jährliche Zahnkontrolle und Kontrolle der Kieferstellung beim neugeborenen Fohlen können außerdem helfen, Zahnerkrankungen frühzeitig zu entdecken.

Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
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13.03.2014: bumuschl
Sehr informativer Artikel über Zähne und Zahnerkrankungen. Danke.

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