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Pferd: Sehnenstelzfuß

Allgemeines

Der Begriff Stelzfuß oder Sehnenstelzfuß beschreibt eine Fehlstellung der Pferdezehe. Als Zehe wird der unterste Abschnitt des Pferdebeins bezeichnet. Die knöcherne Grundlage der Pferdezehe bilden die drei so genannten Zehenknochen: Fesselbein, Kronbein und Hufbein. Die Zehenknochen schließen sich an den Mittelfuß an, der auch als Röhrbein oder Röhre bekannt ist. Auf die Röhre folgt zuerst das Fesselbein, das mit der Röhre und den Gleichbeinen das Fesselgelenk bildet, dann das Kronbein und schließlich das Hufbein, das fast vollständig von der Hufkapsel bedeckt wird. Auf der Vorderfläche der Pferdezehe verläuft die Strecksehne, auf der Hinterfläche die oberflächliche und die tiefe Beugesehne. Die Sehnen setzen an den Zehenknochen an und sind mit diesen fest verbunden. Dabei setzt die Strecksehne am Kronbein und am Hufbein an, die oberflächliche Beugesehne am Kronbein und die tiefe Beugesehne am Hufbein. Die Sehnen sind die Verlängerungen von weiter oben am Bein sitzenden Muskeln, den so genannten Zehenstreckern bzw. den Zehenbeugern. Ein Zusammenziehen der Zehenstrecker führt zu einer Bewegung der Zehen nach vorne, ein Zusammenziehen der Beugermuskeln zu einer Beugung der Zehe, d.h. einer Bewegung nach hinten.

Abb. GR7IQ4HV
Abb. GR7IQ4HV: Schemazeichnung der Pferdezehe mit Knochen und den wichtigsten Sehnen, Gelenkkapseln, Schleimbeuteln und Sehnenscheiden.

Abb. GR7IS3OX
Abb. GR7IS3OX: Pferdezehe als Präparat.

Beim Stelzfuß stehen die Zehenknochen Fesselbein, Kronbein und Hufbein durch übermäßigen Zug der Beugesehnen steiler als normal, die Gelenke sind also stärker gebeugt.

Man unterscheidet vier Erscheinungsformen des Stelzfußes, die alle zu einem etwas anderen klinischen Bild führen und die auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sind:

Angeborener Sehnenstelzfuß des Fohlens

Der angeborene Sehnenstelzfuß tritt bei neugeborenen Fohlen an einem oder beiden Vorderbeinen auf. Fesselgelenk, Krongelenk und Hufgelenk sind stark gebeugt. Der Fesselkopf ist nach vorne verlagert, man spricht auch vom Überköten. Die Fohlen treten in der Bewegung nur mit der Vorderseite der Hufsohle auf, so dass die Trachten „schweben“. In ganz ausgeprägten Fällen sind die Zehengelenke so stark gebeugt, dass die Vorderseite des Fesselkopfes den Boden berührt und die Fohlen überhaupt nicht mehr mit dem Huf auftreten können.

Kurz erwähnt werden soll an dieser Stelle der Fohlenstelzfuß oder die Beugekontraktur des Karpalgelenks (Vorderfußwurzelgelenk, umgangssprachlich häufig als "Knie" bezeichnet). Diese Beugefehlstellung tritt ebenfalls angeboren auf oder wird in den ersten Lebenswochen erworben. Unreife Knochen des Karpalgelenks oder verkürzte Sehnen sind die häufigsten Ursachen. Durch einen gut gepolsterten Schienenverband, ggf. ergänzt durch ein Medikament, das die Sehnen weich und nachgiebig macht, kann diese Fehlstellung in der Regel gut behandelt werden. In schweren Fälle können die Sehnen operativ durchtrennt werden.

Abb. GR7IYQB5
Abb. GR7IYQB5: Einseitiger Sehnenstelzfuß bei einem Fohlen.

Fohlen mit Sehnenstelzfuß beider Vorderbeine können nur stehen, wenn sie die Hinterbeine ganz weit unter den Körpermittelpunkt stellen, da sie mit den Vorderbeinen keine Last aufnehmen können. Einige Fohlen brauchen menschliche Hilfe, um überhaupt aufstehen und saugen zu können.

Abb. GR7J0B7K
Abb. GR7J0B7K: Beugefehlstellung beider Vorderbeine. Dieses Fohlen kann nicht aus eigener Kraft stehen.
Die Beugekontraktur betrifft Fessel-, Kron- und Hufgelenk

Durch das viele Liegen können sich Druckstellen auf der Haut bilden, die sich entzünden können. Berührt der Fesselkopf den Boden, so wird die Haut dort häufig aufgescheuert und kann sich ebenfalls infizieren.

Verschiedene Ursachen werden für den angeborenen Sehnenstelzfuß verantwortlich gemacht:

  • schwach ausgebildeter Zehenstrecker
  • Riss des Zehenstreckers
  • Missverhältnis zwischen Zehenstreckern und Zehenbeugern
  • Missverhältnis zwischen Knochen- und Sehnenwachstum
  • ungünstige Lage des Fohlens in der Gebärmutter
  • mangelhafte Mineralstoffversorgung der tragenden Stute
  • Erblichkeit

Leichte Fälle können bei ausreichender Mineralstoffversorgung innerhalb weniger Wochen ausheilen. Der Prozess kann durch Aufkleben geeigneter Hufschuhe unterstützt werden. Bei schweren Fällen werden die Beine in Streckstellung geschient. So soll eine Lockerung der Beugesehnen erreicht werden. Dieser Prozess kann durch Gabe eines Medikaments unterstützt werden, das zu einer Entspannung der Zehenbeuger führt.

Abb. GR7J20V2
Abb. GR7J20V2: Dasselbe Fohlen nach der Behandlung.
Die Beugefehlstellung wurde durch Anlegen einer Schiene, Gabe eines entspannenden Medikaments und Aufkleben von Hufschuhen behandelt.

Betroffene Fohlen müssen intensiv betreut werde: Sie müssen ca. alle 3 Stunden an das Euter der Stute angelegt werden oder mit der Flasche getränkt werden, wenn sie nicht aus eigener Kraft aufstehen können.

Abb. GR7J3H58
Abb. GR7J3H58: Fohlenfütterung mit der Flasche.

Wundliegen muss durch eine gut gepolsterte Liegefläche und häufiges Lagern verhindert werden. Scheuerstellen sollten mit Heilsalben und ggf. mit antibiotikahaltigen Salben und einer Wundabdeckung behandelt werden.

In ganz schweren Fällen kann eine Operation durchgeführt werden, bei der das Unterstützungsband der tiefen Beugesehne durchtrennt wird.

Je eher der Sehnenstelzfuß behandelt wird, desto günstiger ist die Chance, dass sich die Erkrankung vollständig zurückbildet. Bei längerem Bestehen der Fehlstellung bilden sich an den Knochen und Gelenken Arthrosen, die langfristig zu Schmerzen bei der Bewegung führen und damit die Nutzungsmöglichkeiten des Pferdes einschränken.

Erworbener Sehnenstelzfuß des Fohlens mit Bildung eines Bockhufs

Der erworbene Sehnenstelzfuß tritt im ersten Lebensjahr des Fohlens auf. An einer oder beiden Vordergliedmaßen bildet sich als auffälligstes Zeichen ein Bockhuf. Ein Bockhuf ist folgendermaßen gekennzeichnet:

  • Die Vorderfläche des Hufes ist nicht mehr schräg, sondern steht annähernd senkrecht.
  • Der Winkel zwischen der Vorderfläche des Hufes und der Sohle ist damit nicht mehr spitz, sondern nähert sich 90° an. Bereits Winkel von 60° zeigen einen Bockhuf an.
  • Im Verhältnis wird der hintere Abschnitt des Hufes, die so genannte Trachtenwand, höher. Beim ausgeprägten Bockhuf ist sie genauso hoch wie die vordere Hufwand.

Dieses klinische Bild wird durch eine extreme Beugung im Hufgelenk verursacht. Diese kann verschiedene Ursachen haben:

  • Durch mangelhafte Bewegung und durch ausschließliche Haltung auf sehr weichem Boden werden die Beugesehnen nicht mehr genügend gedehnt. Als Folge verkürzen sie sich. Die verkürzte tiefe Beugesehne zieht nun permanent am Hufbein und bringt es in die Beugestellung.
  • Bei frohwüchsigen Fohlen und bei zu viel Fütterung von Eiweiß und Energie wachsen die Knochen sehr schnell. Die Sehnen können nicht so schnell wachsen, so dass sie im Verhältnis zu kurz sind und zur Beugehaltung im Hufgelenk führen. Daher sollte man Fohlen nicht zu stark füttern und lieber auf eine ausgewogene Versorgung mit Mineralstoffen und Vitaminen achten.
  • Eine weitere Ursache ist eine übermäßige Abnutzung der Hufspitze bei der Haltung auf zu hartem Boden. Wenn die Spitze des Hufes nicht mehr da ist, werden die Beugesehnen beim Abfußen nicht mehr so stark gedehnt und gymnastiziert. Die Beugesehnen verkürzen sich allmählich und das Hufgelenk geht in eine Beugehaltung über.

In den meisten Fällen kann der erworbene Sehnenstelzfuß mit einem orthopädischen Beschlag vollständig geheilt werden. Haltung und Fütterung müssen ebenfalls kontrolliert und ggf. angepasst werden. Auch das Sehnen entspannende Medikament kann zum Einsatz kommen. In einigen schweren Fällen wird das Unterstützungsband der tiefen Beugesehne operativ durchtrennt. Solange das Hufbein durch die Fehlstellungen noch nicht geschädigt ist, ist die Prognose gut.

Abb. GR7J57QQ
Abb. GR7J57QQ: Bockhuf bei einem erwachsenen Pferd.

Erworbener Stelzfuß des Jungpferdes

In den ersten beiden Lebensjahren kann sich an einem oder beiden Vorderbeinen folgende Fehlstellung entwickeln: Das Fesselgelenk wird stark gebeugt, so dass der Fesselkopf nach vorne zeigt (Überköten). Gleichzeitig wird aber das Hufgelenk übermäßig gestreckt, so dass das Pferd trotzdem weitgehend mit der Hufsohle auffußen kann. Die Hufform ist meistens nicht besonders verändert, lediglich die Trachtenwand ist etwas erhöht.

Verursacht wird der erworbene Stelzfuß des Jungpferdes durch ein beschleunigtes Wachstum des Röhrbein und damit einhergehend einer Verkürzung der oberflächlichen Beugesehne und einer weiteren sehnigen Struktur auf der Rückseite des Röhrbeins, dem so genannten Musculus interosseus, umgangssprachlich auch Fesselträger genannt. In einigen Fällen kann auch die tiefe Beugesehne verkürzt sein.

Als Ursache vermutet man Fütterungsfehler mit einem Überangebot von Eiweiß und Energie und einem Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen.

In weniger schweren Fällen wird der erworbene Stelzfuß mit einem orthopädischen Hufbeschlag behandelt. Parallel muss die Futterration überprüft und ggf. umgestellt werden. In schwereren Fällen stehen verschiedene Operationsmöglichkeiten zur Verfügung. Je nach betroffener Sehne können verschiedene Bänder durchtrennt werden, um eine Verlängerung des verkürzten Sehnenbereichs zu erzielen.

Leider ist die Prognose beim erworbenen Stelzfuß des Jungpferdes eher ungünstig. Oft sind bereits Gelenk- und andere Folgeschäden aufgetreten.

Erworbener Stelzfuß des erwachsenen Pferdes

Der Stelzfuß des erwachsenen Pferdes ähnelt vom klinischen Bild her dem Stelzfuß des Jungpferdes: Das Fesselgelenk wird stark gebeugt, so dass der Fesselkopf nach vorne zeigt (Überköten). Gleichzeitig wird aber das Hufgelenk übermäßig gestreckt, so dass das Pferd trotzdem weitgehend mit der Hufsohle auffußen kann.

Der erworbene Stelzfuß des erwachsenen Pferdes entwickelt sich als Folgeerscheinung nach einer Erkrankung der Sehnen, nach einer schweren Gelenkerkrankung oder nach Knochenbrüchen.

Der durch einen Sehnenschaden verursachte Stelzfuß kann versuchsweise durch einen orthopädischen Beschlag behandelt werden. Als letzter Ausweg können auch verschiedene operative Maßnahmen an den erkrankten Sehnen versucht werden, die meistens aber nicht zu einer vollständigen Wiederherstellung der Bewegung führen. Stelzfüße aufgrund von Gelenk- oder Knochenschäden sind meistens nicht zu therapieren, da sich im Zuge der Erkrankung bereits viele Knochenzubildungen im Sinne schwerer Arthrosen gebildet haben, die den Bewegungsablauf deutlich einschränken.

Abb. GR7J7488
Abb. GR7J7488: Erscheinungsformen des Sehnenstelzfußes.

Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
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