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Pferd: Sehnenentzündung

Allgemeines

Weitere Bezeichnung: Tendinitis

Zum besseren Verständnis wird hier zunächst der Aufbau einer Sehne erklärt:

Sehnen stellen das Verbindungsstück zwischen Muskeln und Knochen dar. Sie gehen aus den Muskelfasern hervor und setzen an der Knochenhaut an. Eine Sehne kann sehr kurz oder auch sehr lang sein, breit oder schmal. Insbesondere am unteren Abschnitt des Pferdebeins gibt es einige sehr lange Sehnen, die anfällig für Verletzungen sind. Sie werden in Strecksehnen (Endsehnen der Zehenstreckermuskulatur) und Beugesehnen (Endsehnen der Zehenbeugermuskulatur) eingeteilt. Dabei bezieht sich Beugung oder Streckung immer auf die Bewegungsrichtung des Gelenks, das der betreffende Muskel hauptsächlich bewegt: Die Zehenbeuger beugen die Zehengelenke, die Zehenstrecker strecken die Zehengelenke. Am Hinterbein z.B. kann diese Begriffsbestimmung verwirrend sein: Ein Zusammenziehen der Zehenbeugermuskeln führt dazu, dass die Zehengelenke gebeugt werden, das Sprunggelenk wird aber gleichzeitig gestreckt.

Abb. GR7LD54N
Abb. GR7LD54N: Schemazeichnung der Pferdezehe mit Knochen und den wichtigsten Sehnen, Gelenkkapseln, Schleimbeuteln und Sehnenscheiden.

Abb. GR7LEN0E
Abb. GR7LEN0E: Die Pferdezehe als Präparat.

Eine Sehne wird aus vielen einzelnen Fasern gebildet, die aus Bindegewebe bestehen. Die Fasern sind parallel zueinander angeordnet. Einzelne Fasern werden zu Faserbündeln zusammengefasst und die Faserbündel wiederum zu der gesamten Sehne. Die Fasern richten sich immer so aus, dass sie längs der Zugrichtung der Sehne verlaufen. Dieser Aufbau führt dazu, dass Sehnen große Zugkräfte in Längsrichtung der Sehne aushalten können ohne zu zerreißen.

Aus folgenden Gründen treten Sehnenerkrankungen beim Pferd jedoch recht häufig auf:

  • Begrenzte Elastizität: Zu Beginn einer Belastung können sich Sehnen etwas in Zugrichtung ausdehnen. Relativ bald ist aber eine Grenze erreicht und die Sehne kann dem Zug nicht mehr weiter nachgeben. Wenn dieser Punkt erreicht ist, die Sehne also maximal gespannt ist, ist sie anfälliger für Verletzungen als eine entspannte Sehne.
  • Geringe Durchblutung: Sehnen werden nur schlecht durchblutet. Daher können sie im Fall einer Verletzung auch nur relativ langsam heilen, denn eine gute Durchblutung ist die wichtigste Vorraussetzung für die Reparatur von geschädigtem Gewebe. Man muss davon ausgehen, dass es mehrere Monate dauert, bis sich nach einer Sehnenverletzung wieder vollständig belastbares Bindegewebe gebildet hat.
  • Fehltritte: Fehltritte führen nicht zu einem geraden, sondern zu einem schrägen Zug an der Sehne. Dabei werden einzelne Fasern besonders stark gedehnt und können zerreißen.
  • Druckkräfte: Tritte in die Sehne können wegen der Längsanordnung der Sehnenfasern ebenfalls nur sehr schlecht ausgehalten werden.

Ursachen

Ursache einer Sehnenentzündung ist zunächst ein Riss des Sehnengewebes. Dabei kommen alle Schweregrade zwischen dem Riss einzelner Fasern und dem totalen Durchtrennen (Ruptur) der Sehne vor. Meistens sind die Beugesehnen betroffen.

Bevor es zu einer für den Reiter sichtbaren Sehnenverletzung kommt, sind vermutlich schon wiederholt und unbemerkt kleinste Fasern gerissen, beispielsweise durch übermäßige Arbeit in tiefem Boden oder durch mangelhaften Hufbeschlag.

Zu einer sichtbaren akuten Sehnenentzündung kommt es dann für den Reiter meistens sehr plötzlich: Durch ein traumatisches Ereignis reißen im ohnehin geschwächten Sehnenabschnitt auf einmal sehr viele Fasern oder auch die gesamte Sehne. Traumaursachen können sein:

  • schnelles Tempo
  • Tritt auf einen Stein o.Ä.
  • Trainingszustand: Wenn die zu den Sehnen gehörigen Muskeln bereits ermüdet sind, verkrampfen sie sich. Dies hat ein Zusammenziehen und damit Verkürzen der Muskeln zur Folge. Ein verkürzter Muskel verstärkt wiederum den Zug auf die Sehne. Zusätzlich kann er auf die während der Bewegung auftretenden Zug- und Dehnungskräfte nicht mehr elastisch nachgeben, so dass eine übermäßig starke Spannung auf die Sehne wirkt und diese leichter reißen kann.

Durch ein besonders heftiges Trauma kann auch eine nicht vorgeschädigte Sehne einreißen:

  • Verletzung z.B. durch einen Draht
  • Greifen

Der Körper reagiert auf den Gewebeschaden der Sehne mit einer Entzündung. Zunächst bildet sich meistens ein Bluterguss und der Körper beginnt mit der Reparation des verletzten Gewebes, die an den Entzündungsanzeichen wie Wärme, Schwellung und Schmerzhaftigkeit zu erkennen ist. Erst wird ein Reparationsgewebe gebildet, das nicht besonders stabil ist und leicht wieder reißen kann. Erst nach und nach wird das Reparationsgewebe durch Sehnenfasern ersetzt. Die neugebildeten Sehnenfasern liegen zunächst noch ungeordnet vor und richten sich erst durch Belastung wieder in Längsrichtung aus. Erst wenn die neuen Sehnenfasern längs angeordnet sind, sind sie annähernd so belastbar wie gesundes Sehnengewebe. Die gleiche Stärke erreichen sie allerdings nie und sie sind auch nicht mehr elastisch. Man muss sich auch immer wieder vor Augen führen, dass die Sehnenheilung mehrere Monate dauert. Aus diesem langwierigen Reparationsprozess ist ersichtlich, wie anfällig eine erkrankte Sehne für ein erneutes Trauma ist und wie wichtig auch die kontrollierte Bewegung für die Ausbildung eines belastungsfähigen Ersatzmaterials ist.

Wenn der Heilungsprozess der Sehne gestört ist, geht die akute Form der Sehnenentzündung in die chronische Tendinitis über:

Die Entzündungsanzeichen sind dann weniger deutlich ausgeprägt, aber der Körper versucht weiterhin, den Schaden zu reparieren und bildet weiterhin Reparationsgewebe. Dieses wird aber nicht vollständig in Sehnengewebe umgebaut. Da durch den Rückgang der Entzündung auch die Durchblutung im verletzten Bereich weniger wird, kann der Schaden nur noch sehr schwer wirklich abheilen. Meistens ist eine chronische Sehnenentzündung darauf zurückzuführen, dass eine akute Erkrankung nicht genug Zeit zum Ausheilen hatte.

Bei so genannten offenen Verletzungen der Sehnen, bei denen also auch die Haut verletzt ist, besteht immer die Gefahr einer bakteriellen Infektion der Sehne. Auch muss in diesen Fällen immer geprüft werden, ob die Sehnenscheiden auch eröffnet wurden.

Ein Riss der Strecksehne kann angeboren sein. Manchmal reißt die Sehne auch erst in den ersten Lebenstagen. Diese Erkrankung beim Fohlen kann in der Regel durch Boxenruhe geheilt werden, denn die beiden Sehnenenden verkleben häufig von allein.

Leitsymptom

  • Lahmheit
  • Schwellung

Symptome

Im Falle einer akuten Sehnenentzündung ist der betroffene Bereich geschwollen, vermehrt warm und schmerzhaft. In der Regel gehen die Pferde deutlich lahm und schonen das Bein, indem sie es vorstellen und entlasten. Allerdings ist die Lahmheit nicht bei allen Pferden mit Sehnenentzündung deutlich ausgeprägt. Im Einzelfall kann sie auch nur undeutlich zu sehen sein, so dass auch bei unklaren Lahmheiten eine gründliche Untersuchung der Sehnen durch den Tierarzt unerlässlich ist.

Am häufigsten sind folgende Sehnen erkrankt:

  • Oberflächliche Beugesehne mit ihrem Unterstützungsband: Meistens ist die oberflächliche Beugesehne im oberen Abschnitt der Röhre betroffen, so dass man die Schwellung auf der Rückseite des Beins als so genannte Wade oder als Bogen gut sehen kann.
Abb. GR7LPR61
Abb. GR7LPR61: Bildung einer Wade durch eine Erkrankung der oberflächlichen Beugesehne.
  • Tiefe Beugesehne mit ihrem Unterstützungsband: Eine Verletzung der tiefen Beugesehne zeigt sich eher als Schwellung an den Seiten des Röhrbeins. Bei einem Schaden des Unterstützungsbandes sieht man meistens eine deutliche Schwellung in der Röhrbeinmitte, die Pferde sind aber häufig nicht lahm.
  • Der sehnige Musculus interosseus: Er liegt noch unter der tiefen Beugesehne versteckt zwischen den Griffelbeinen, so dass eine Schwellung nicht unmittelbar sichtbar wird. Diese Erkrankung wird auch als Fesselträger-Lahmheit bezeichnet.

Wenn die Sehne massiv geschädigt wurde, kann das auch zu einem Stabilitätsverlust führen: Die Pferde zeigen dann eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Durchtrittigkeit, die bei vollständiger Durchtrennung der Beugesehnen zum so genannten Niederbruch führt.

Abb. GR7LU8IK
Abb. GR7LU8IK: Deutliche Durchtrittigkeit in Folge einer Sehnenverletzung.

Geht die akute Form in eine chronische Entzündung über, so wird die Schwellung zunehmend fester und derber. Die Wärme bildet sich zurück. Eine Lahmheit ist dann oftmals nur noch nach der Arbeit zu erkennen.

Diagnose

Neben einem gründlichen Abtasten des erkrankten Bereichs ist bei Sehnenerkrankungen die Ultraschalluntersuchung das Mittel der Wahl. Ultraschall lässt sich für das Pferd schmerzfrei am stehenden Pferd durchführen und wird fast immer problemlos toleriert.

Mit Hilfe der Ultraschalluntersuchung lässt sich das Ausmaß der Sehnenschädigung genau feststellen. Auch nicht tastbare Sehnendefekte oder Schäden an den Sehnenscheiden können meist gut dargestellt werden. Durch wiederholte Untersuchungen kann der Heilungsverlauf kontrolliert werden.

In unklaren Fällen bieten einige Kliniken weiterführende Untersuchungen wie die Magnetresonanztomographie (MRT) an. Mit dieser Methode können auch Sehnenabschnitte untersucht werden, die mit Ultraschall nicht sichtbar gemacht werden können, wie z.B. die tiefe Beugesehne im Hufbereich.

Behandlung

Bei einer akuten Sehnenentzündung bekommt das Pferd zunächst Boxenruhe. Die erkrankte Sehne wird gekühlt. Dazu eignen sich z.B. Angussverbände oder Wasserduschen. Nach einigen Tagen kann eine Behandlung der Sehne mit wärmenden Substanzen sinnvoll sein, um die Durchblutung und damit die Heilung zu verbessern.

In einigen Fällen muss die Sehne auch durch festere Verbände ruhig gestellt werden, um eine weitere Schädigung zu verhindern. Unterstützt wird die Behandlung meistens durch die Gabe von entzündungshemmenden Medikamenten. Diese können systemisch über das Futter oder als Injektion verabreicht werden und gelangen so über den Blutweg zum Entzündungsherd. In einigen Fällen kann es auch sinnvoll sein, entzündungshemmende Medikamente direkt in den entzündeten Bereich zu spritzen.

In vielen Fällen ist es sinnvoll, die Sehne durch einen orthopädischen Beschlag zu entlasten.

Offene Verletzungen der Sehnen stellen einen absoluten Notfall dar und sollten immer unter Klinikbedingungen untersucht werden. Sie müssen wegen der Gefahr einer Infektion mit Bakterien immer auch mit einer Antibiose behandelt werden.

Die Boxenruhe kann bei schweren Fällen mehrere Wochen betragen. Im Anschluss daran wird kontrolliert wieder mit der Bewegung begonnen. Bei leichteren Fällen beginnt man relativ bald mit kontrollierter Schrittbewegung, damit sich die neu gebildeten Sehnenfasern durch die Belastung in Längsrichtung ausrichten. Das Bewegungsprogramm muss mit dem Tierarzt abgesprochen sein und richtet sich auch nach dem Heilungsverlauf. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass die Heilung einer Sehnenentzündung bis zu einem Jahr dauern kann.

Wenn die Sehne vollständig durchtrennt wurde, so kann versucht werden, die Sehnenenden operativ wieder zu verbinden. Man muss sich darauf einstellen, dass die Heilung einer vollständig durchtrennten Sehne sehr lange dauert und mit einem weitreichenden Funktionsverlust der Sehne einhergehen kann.

Im Fall einer schon länger bestehende, chronischen Sehnenentzündung wird häufig ebenfalls eine Wärmetherapie angewendet.

Zusätzlich erhalten auch diese Pferde ein kontrolliertes Bewegungsprogramm, um das neu gebildete Gewebe langsam an die Belastung zu gewöhnen. Der Umfang der Bewegung sollte vom Heilungsverlauf abhängig gemacht werden.

Weiterhin können spezielle Medikamente Anwendung finden, die entweder systemisch gegeben werden oder direkt in den betroffenen Bereich gespritzt werden, um dort den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Ein orthopädischer Beschlag kann auch im chronischen Fall dazu beitragen, dass die Sehne entlastet wird.

Neben den erwähnten, konservativen Methoden gibt es eine Reihe von chirurgischen Eingriffen, die zum einen den Heilungsprozess beschleunigen sollen und zum andern die Elastizität der erkrankten Sehne erhöhen sollen:

  • Tendon-Splitting: Beim Tendon-Splitting werden bewusst weitere Sehnenfasern im erkrankten Bereich durchtrennt. Man erhofft sich, damit einen starken Impuls für die körpereigene Heilung zu setzen. Durch die einsetzenden Reparationsvorgänge soll die eigentliche Verletzung ebenfalls heilen. Das Tendon-Splitting muss zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Erkrankung durchgeführt werden.
  • Durchtrennung des Unterstützungsbandes der oberflächlichen Beugesehne: Das Unterstützungsband fixiert die Beugesehne. Wird es durchtrennt, erhält die Sehne mehr Bewegungsspielraum. Dieser soll die verringerte Elastizität der vernarbten Sehne ausgleichen.

Prognose

Geringe Defekte in der Sehne heilen in der Regel problemlos ab, wenn dem Pferd genügend Zeit zur Erholung gewährt wird und der Bewegungsplan streng eingehalten wird. Diese Pferde sind dann in der Regel wieder ganz normal zu reiten.

Größere Verletzungen haben eine schlechtere Prognose. Sie können zu Verklebungen der Sehne mit der Umgebung führen. Außerdem kann eine narbige Vergrößerung zurückbleiben. Manchmal wird bei der Heilung auch Kalk in die Sehne eingelagert. All dies führt zu einer verminderten Gleitfähigkeit der Sehne. Außerdem ist wie bereits gesagt die Elastizität der Sehne eingeschränkt, so dass sie leichter überdehnt wird und damit auch verletzungsanfälliger ist.

Vorbeugung

Um Sehnenverletzungen zu vermeiden, sollte man sein Pferd nur seinem Trainingszustand entsprechend belastet. Nach dem Reiten sollten die Sehnen auf Schwellungen und vermehrte Wärme überprüft werden.

Tipps

Spritzen Sie die Beine ihres Pferdes nach dem Reiten ab. Kleinste Verletzungen können so besser heilen.

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Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
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