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Pferd: Luftsackerkrankungen

Allgemeines

Die Luftsäcke sind eine anatomische Besonderheit der Equiden und einiger weniger weiterer Spezies:

Bei allen Haustieren und auch bei uns Menschen ist der Nasenrachenraum beidseits über einen spaltartigen Gang, die Ohrtrompete (Tuba auditiva, Eustachische Röhre), mit dem jeweiligen Mittelohr verbunden. Bei Pferden weiten sich die Ohrtrompeten je zu einem sackartigen Raum aus, den man Luftsack nennt. Von außen betrachtet liegen die Luftsäcke etwa hinter dem äußeren Augenwinkel und unterhalb der Ohren in der Schädelhöhle.

Beide Luftsäcke haben gemeinsam ein Fassungsvermögen von etwa 300 – 500ml, sind aber im Normalfall nur von etwas Luft gefüllt. Der Luftsack wird von Schleimhaut ausgekleidet. Durch einen länglichen Knochen (Zungenbeinast) am Boden des Luftsacks wird er unvollständig in eine äußere und eine innere Abteilung unterteilt. In der Wand des Luftsacks verlaufen wichtige Blutgefäße zur Versorgung des Kopfes und Kopfnerven vom Gehirn in den Körper. Diese können bei einer Erkrankung des Luftsacks in Mitleidenschaft gezogen werden. Außerdem liegen Lymphknoten unmittelbar unter der Luftsackschleimhaut.

Die Verbindung vom Luftsack zum Nasenrachenraum wird über einen Spalt hergestellt, dessen schlitzförmige Öffnung von einer Knorpelklappe verstärkt wird. Luft, Krankheitserreger oder Flüssigkeit können daher nur schlecht zwischen Rachen und Luftsack zirkulieren.

Die Bedeutung der Luftsäcke ist nach wie vor unklar. Es wird vermutet, dass sie ein Kühlsystem für das Gehirn darstellen sollen. Vielleicht sind sie auch am Druckausgleich beim Schluckakt beteiligt oder stellen eine Barriere gegenüber aufsteigenden Infektionen aus dem Rachenraum zum Mittelohr dar.

Ursachen

Erkrankungen des Luftsacks treten relativ selten auf, können aber recht dramatisch verlaufen. Man unterscheidet drei Formen von Luftsackerkrankungen:

Luftsacktympanie (Aufgasung, Meteorismus)

Die Aufgasung eines oder beider Luftsäcke ist eine Fohlenerkrankung. Sie tritt kurz nach der Geburt bis zu einem Alter von etwa 1 Jahr auf. Wahrscheinlich wirkt eine vergrößerte Schleimhautfalte am Luftsackeingang als Ein-Wege-Ventil: Luft kann in den Luftsack hinein, aber nicht wieder hinaus. So kommt es im Laufe der Zeit zu einem Aufblähen des Luftsacks. Durch den Prozess werden die benachbarten Organe eingeengt, es kann zu Schluck- und Atembeschwerden kommen. Wenn sich das Fohlen verschluckt und Milch oder Futter in die Luftröhre gelangen, kann eine lebensbedrohliche Lungenentzündung entstehen.

Luftsackentzündung

Eine Luftsackentzündung entwickelt sich meistens durch Bakterien oder Viren, die z.B. bei Druse, Pferdehusten oder einer anderen Erkrankung der Atemwege aus dem Nasenrachenraum in den Luftsack aufsteigen. Bei Druse können Druse-Bakterien auch über Lymphknoten- Abszesse in den Luftsack gelangen, wenn diese in den Luftsack hinein aufbrechen. Seltener entwickelt sich eine Luftsackentzündung durch Futterteilchen, die versehentlich beim Schluckakt in den Luftsack gelangen.

Problematisch wird ein Luftsackentzündung dann, wenn sich viel Eiter im Luftsack bildet, wie z.B. bei Beteiligung von Druseerregern. Einen vereiterten Luftsack nennt man auch Luftsackempyem. Der Eiter kann nur abfließen, wenn das Pferd den Kopf gesenkt hält. Das liegt daran, dass die Luftsacköffnung nicht am Boden, sondern in der Vorderwand des Luftsacks liegt. Wenn das Pferd den Kopf senkt, fließt der Eiter der Schwerkraft folgend nach vorne und erreicht die Öffnung. Bleiben Eiter und andere Entzündungsprodukte längere Zeit am Boden des Luftsacks liegen, dicken sie ein und bilden käsige Klumpen. Diese werden im Laufe der Zeit zu festen Kugeln geformt, den so genannten Luftsacksteinen oder Luftsackkonkrementen. Durch die Entzündung können die Nervenbahnen, die im Luftsack verlaufen, geschädigt werden, was zu Ausfallerscheinungen wie Schluckstörungen oder Kopfschiefhaltung führt.

Luftsackmykose (Pilzbefall)

Die Mykose ist eine Pilzinfektion und kann einen oder beide Luftsäcke betreffen. Überall in der Umgebung des Pferdes werden Pilze wie z.B. Aspergillus-Arten angetroffen, die aber nur in sehr seltenen Fällen zu einer Luftsackmykose führen. Mehrere Faktoren müssen also zusammentreffen, damit ein Pferd an Luftsackmykose erkrankt. In diesem Zusammenhang werden vorangegangene Infektionen mit Bakterien oder Viren, Antibiotika-Behandlung oder Aussackungen der Blutgefäße im Luftsack (Aneurysmen) diskutiert.

Die Pilze dringen über die Luftsackklappe aus dem Nasenrachenraum in den Luftsack ein und siedeln sich bevorzugt im Bereich der Blutgefäße an. Dort führen sie zu einer Entzündung und bilden feste Beläge auf der Schleimhaut. Man nimmt an, dass die Pilze die Versorgung durch die Blutgefäße für ihr Wachstum benötigen. Während die Pilze langsam wachsen, greifen sie die Wand der Blutgefäße und ggf. auch die Nerven an, die in der Luftsackwand verlaufen. Die so geschädigten Blutgefäße können einreißen, was sturzartiges Nasenbluten zur Folge hat. Die Schädigung der Nervenbahnen kann zu verschiedenen Ausfallerscheinungen wie Verschlucken oder Kopfschiefhaltung führen.

Ansteckung

Druse oder andere Krankheitserreger sind grundsätzlich ansteckend, führen aber nur in den wenigsten Fällen zu einer Luftsackbeteiligung.

Leitsymptom

  • Umfangsvermehrung an den Ganaschen
  • Atemgeräusche
  • Nasenausfluss
  • Nasenbluten
  • Schluckstörungen

Symptome

Luftsacktympanie

Es bildet sich besonders nach Belastung eine ein- oder beidseitige Umfangsvermehrung im Ganaschenbereich. Zusätzlich können Atemgeräusche und Atem- bzw. Schluckbeschwerden auftreten.

Luftsackentzündung

Luftsackentzündungen ohne Eiterbildung verlaufen häufig ohne nennenswerte klinische Symptome. Sobald Eiter gebildet wird, tritt ein- oder beidseitiger gelblicher, häufig übelriechender Nasenausfluss auf, wenn das Pferd den Kopf z.B. zum Fressen absenkt. Atemgeräusche und eine Anschwellung im Bereich der Ganaschen können hinzukommen. Bei Nervenbeteiligung stellen sich z.B. Schluckstörungen ein. Meistens war das Pferd zuvor an einer Infektion der oberen Atemwege erkrankt, die aber schon monatelang her sein kann.

Luftsackmykose

Eine Luftsackmykose bleibt solange unauffällig, bis sie zu Schädigungen an Blutgefäßen und/oder Nerven geführt hat. Nur in seltenen Fällen hat das Pferd gleichzeitig ein Luftsackempyem und zeigt gelblichen Nasenausfluss.

Schäden an Blutgefäßen äußern sich durch plötzliches und meist schwallartiges Nasenbluten. Die Blutung kann von selbst zum Stehen kommen und sich nach kurzer Zeit wiederholen. Im Rahmen einer solchen Blutung kann das Pferd verbluten. Beteiligung der Nerven führt zu verschiedenen Ausfallerscheinungen, relativ häufig sind Schluckstörungen, Atemgeräusche, Kopfschiefhaltung und Augenveränderungen.

Abb. GX1QKL7M
Abb. GX1QKL7M: Nasenbluten.
Dieses Pferd hat nur geringes Nasenbluten. Es kann aber auf eine Luftsackmykose hinweisen und sollte auf jeden Fall tierärztlich untersucht werden

Diagnose

Die Luftsäcke sind einer Untersuchung von außen nur sehr eingeschränkt zugänglich. Schwellung oder Aufgasung und Nasenausfluss können bei einer Allgemeinuntersuchung entdeckt werden, weiterführende Untersuchungsmethoden sind aber in der Regel nötig, um eine Luftsackerkrankung zu diagnostizieren:

  • Endoskopie : Die Endoskopie der Luftsäcke wird zur Diagnostik von Entzündungen und Mykosen durchgeführt. Am sedierten Pferd wird ein Endoskop über die Nüstern in den Nasenrachenraum und von dort durch die Luftsackklappe in den Luftsack vorgeschoben. Inhalt und Schleimhaut der Luftsäcke können beurteilt werden. Ggf. kann eine Schleimhautprobe zum Nachweis des Pilzgeflechts oder eine Flüssigkeitsprobe zur Untersuchung auf Bakterien entnommen werden.
  • Röntgen : Die Röntgenuntersuchung eignet sich zur Diagnose des vergrößerten Luftsacks bei Luftsacktympanie und zum Nachweis eines Flüssigkeitsspiegels in den Luftsäcken bei einer Entzündung.

Behandlung

Luftsacktympanie

Bei einer hochgradigen Aufgasung droht das Fohlen zu ersticken. In solchen Fällen wird eine Punktion des Luftsacks als lebensrettende Sofortmaßnahme durchgeführt, um die Luft abzulassen. Zur Behandlung weniger dramatischer Aufgasungen und um eine erneute Tympanie zu verhindern, gibt es verschiedene Methoden, die auch kombiniert werden können:

  • Einlegen eines Katheters in die Luftsackklappe für einige Wochen.
  • Fensterung der Wand zwischen dem linken und rechten Luftsack, so dass der erkrankte Luftsack über den gesunden mit entlüftet wird.
  • Klappenteilresektion: Ein Teil der Luftsackklappe wird entfernt, um den Luftaustausch zu erleichtern.

Luftsackentzündung

Ziel der Behandlung ist die Entleerung des Luftsacks. Dünnflüssige Entzündungsprodukte laufen gut ab, wenn das Pferd vom Boden gefüttert wird und es dadurch den Kopf häufig und lange tief hält. Dickflüssiger Luftsackinhalt muss durch mehrfache Spülungen des Luftsacks mit milden desinfizierenden Lösungen entfernt werden. Dazu kann ein Katheter über den Nasenrachen in den Luftsack gelegt werden. Über ein Endoskop können kleine Konkremente auch auf diesem Weg entfernt werden. Dazu gibt es kleine Greifinstrumente, die durch das Endoskop geschoben werden. In hartnäckigen Fällen und bei großen Steinen muss der Luftsack operativ eröffnet und entleert werden. In einigen Fällen ist es ratsam, das Pferd systemisch mit einem Antibiotikum zu behandeln, besonders wenn es sich häufig verschluckt und eine Lungenentzündung droht.

Luftsackmykose

Die Luftsackmykose kann medikamentell und chirurgisch behandelt werden, die Verfahren können auch kombiniert werden.

Medikamentöse Behandlung

Der Luftsack wird wiederholt mit antimykotischen Lösungen gespült. Dazu wird der Spülkatheter entweder über Nasenrachen und Luftsackklappe eingebracht oder von außen über einen chirurgischen Zugang in den Luftsack gelegt. Wichtig ist, dass das Medikament alle pilzbefallenen Stellen erreicht. Daher kann es nötig sein, das Pferd zur Behandlung in Vollnarkose auf den Rücke zu legen, um auch die im Luftsackdach gelegenen Bereiche mit dem Medikament zu behandeln. Zusätzlich kann das Pferd ein Antimykotikum systemisch erhalten.

Chirurgische Behandlung

Ein chirurgisches Verfahren ist immer nötig, wenn das Pferd aus einem verletzten Gefäß zu verbluten droht. Das blutende Gefäß wird abgebunden oder anderweitig blockiert. Dies kann entweder endoskopisch oder durch Zugang von außen geschehen. Das Blutgefäß der anderen Seite übernimmt seine Funktion und versorgt das Gehirn.

Das Unterbinden des Blutflusses im erkrankten Blutgefäß erfüllt eine weitere Funktion: Der Pilz wird dadurch seiner Nahrungsgrundlage beraubt und heilt ab. Daher wird dieses Verfahren manchmal auch eingesetzt, wenn das Pferd keine Blutung aufweist.

Mittels Laserchirurgie kann der Pilz auch verödet werden. Der Laser wird endoskopisch über die Luftsackklappe eingebracht. In mehreren Sitzungen wird der Pilz bestrahlt.

Prognose

Luftsacktympanie

In 10 – 30% der Fälle gast der Luftsack trotz chirurgischer Therapie erneut auf. Nach wiederholter Operation sind auch diese Fohlen meistens geheilt.

Luftsackentzündung

Wenn der Luftsack vollständig geleert werden kann und die Nerven noch nicht geschädigt wurden, ist die Prognose gut. Nervenschädigungen brauchen Monate zur Regeneration und eine vollständige Heilung ist fraglich. Operationen am Luftsack sind risikoreich, da leicht wichtige Strukturen wie Blutgefäße oder Nerven verletzt werden können.

Luftsackmykose

Je nach Standort des Pilzes und Erreichbarkeit des befallenen Gefäßes hat die Luftsackmykose eine gute bis vorsichtige Prognose. Nervenschädigungen brauchen Monate zur Regeneration und eine vollständige Heilung ist fraglich.

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Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
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