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Pferd: Knochenbrüche

Allgemeines

Weitere Bezeichnung: Frakturen

Zum besseren Verständnis von Knochenbrüchen soll kurz zunächst der Knochenaufbau erklärt werden: Knochen besteht hauptsächlich aus einer festen und wenig elastischen Knochensubstanz, die sehr viele Kalziumsalze enthält. Die Knochen werden von einer dünnen Haut überzogen, die Knochenhaut oder auch Periost genannt wird. Nur die Gelenkflächen eines Knochens sind nicht mit Knochenhaut überzogen, sondern mit dem sehr glatten Gelenkknorpel.

Abb. GR7KN0IW
Abb. GR7KN0IW: Aufbau eines langen Gliedmaßenknochens.

Die Knochenhaut enthält sehr viele Nervenfasern, daher ist sie auch sehr schmerzempfindlich. Außerdem laufen in ihr sehr viele Blutgefäße, die den Knochen versorgen. Die Zellen der Knochenhaut sind es auch, die im Falle eines Knochenbruchs das Reparaturgewebe bilden, das man auch Kallus nennt. Dabei verläuft die Knochenheilung in mehreren Stufen: Zunächst bildet sich nach einem Bruch sehr viel relativ weicher Knorpelkallus, der die Aufgabe hat, den Bruch notdürftig zu stabilisieren. Klinisch erkennt man diese überschießende Kallusbildung daran, dass im Bruchbereich eine Art Knubbel zu fühlen ist. Im Laufe der Zeit wird der Knorpelkallus in den stabileren Knochenkallus umgebaut, der die Bruchenden dann wieder fest miteinander verbindet.

Knochenbrüche lassen sich nach vielen verschiedenen Kriterien einteilen:

  1. Zunächst unterscheidet man
  • die vollständigen Brüche, bei denen auch die Knochenhaut verletzt ist, von den
  • unvollständigen Brüchen mit intakter Knochenhaut. Unvollständige Brüche, bei denen nur ganz feine Risse in der Knochensubstanz auftreten, werden auch Grünholzfrakturen genannt. Sie treten häufig bei Jungpferden auf.
  1. Ein weiteres Kriterium ist der Verlauf der Bruchlinie: Man unterscheidet
  • Knochensprünge oder -spalten, auch Fissuren genannt, die streng genommen noch keinen echten Knochenbruch darstellen,
  • Querfrakturen,
  • Längs- oder Sagittalfrakturen,
  • Spiralfrakturen, bei denen die Bruchlinie spiralig verläuft,
  • Absprengfrakturen, bei denen die Ansatzstelle einer Sehne oder eines Bandes abgerissen ist,
  • Trümmerfrakturen, bei denen der Knochen in viele kleine Knochenstücken zersplittert ist,
  • Chip-Frakturen, bei denen Knochenteilchen im Gelenk abgebrochen sind,
  • Eindrück- oder Impressionsfrakturen, bei denen der Knochen zusammengedrückt wurde.
  1. Des Weiteren beurteilt man die Lage der Bruchenden. Liegen sie weiterhin annähernd in ihrer normalen Lage, so ist der Bruch nicht verschoben. Es kommen aber auch Verschiebungen der Bruchenden in Längsrichtung oder zur Seite vor. Daneben können einzelne Bruchstücke auch verdreht sein.
  2. Wenn die äußere Haut über dem Knochenbruch nicht verletzt wurde, so spricht man von einer
  • geschlossenen oder gedeckten Fraktur.
  • Knochenbrüche mit Verletzung der Haut heißen offene Frakturen.
  1. Chip-Frakturen: s. Gelenkchips
  2. Epiphysenfugenabriss

Ursachen

Am häufigsten kommen beim Pferd ein Bruch des Röhrbeins, ein Fesselbeinbruch oder eine Hufbeinfraktur vor. Recht häufig sind auch die so genannten Griffelbeinbrüche.

Abb. GR7L0VZS
Abb. GR7L0VZS: Schemazeichnung der Knochen der Pferdezehe von vorne.

Seltener kommt es bei Unfällen dazu, dass sich ein Pferd das Genick oder einen anderen Wirbel der Wirbelsäule bricht.

Die häufigste Ursache für einen Knochenbruch ist ein Trauma. Das kann ein Unfall sein oder auch ein extremer Fehltritt. Begünstigt wird ein Knochenbruch durch eine Vorschädigung des Knochens:

  • Durch häufige Fehlbelastung der Knochen – beispielsweise durch enge Drehungen – können im Knochen bereits feinste Risse entstanden sein, die klinisch noch nicht in Erscheinung treten. Durch plötzlichen starken Druck kann der Knochen dann an dieser Stelle auseinanderbrechen.
  • Tumor: Knochentumoren führen zu einer Aufweichung der Knochensubstanz. Brüche an ungewöhnlichen Stellen weisen auf Knochentumoren hin.
  • Entzündung: Entzündungen der Knochensubstanz treten meistens infolge von Verletzungen auf. Durch den Entzündungsprozess geht das Knochengewebe zugrunde. Der Knochen wird instabil und kann leichter brechen.

Leitsymptom

Lahmheit

Symptome

Die Symptome bei einem Knochenbruch ähneln sich, wenngleich sie natürlich abhängig von der Art der Fraktur sind. Fast allen Knochenbrüchen gemeinsam ist das plötzliche Auftreten einer sehr starken Lahmheit aus der Bewegung heraus. Meistens schwillt der betroffene Bereich innerhalb weniger Stunden an. Die Pferde versuchen jede Belastung der erkrankten Gliedmaße zu vermeiden. Bei Verschiebungen der Knochenenden kann man eine Abweichung von der normalen Gliedmaßenachse erkennen. Bei offenen Frakturen sieht man mitunter die Knochenstücke aus der Wunde ragen.

Bei Fissuren und Grünholzfrakturen allerdings können sich die Symptome auch schleichender entwickeln und nicht ganz so drastisch ausgeprägt sein. Insbesondere bei diesen Brucharten ist der betroffene Bereich nicht immer eindeutig zu erkennen und man denkt auch nicht sofort an einen Knochenbruch.

Diagnose

Die Diagnose eines Knochenbruchs wird anhand der klinischen Symptome in Verbindung mit einer röntgenologischen Untersuchung des Beines gestellt. Dazu ist es meistens nötig, Röntgenbilder in verschiedenen Ebenen anzufertigen, um alle Bruchlinien zu finden. Für die weitere Behandlung und für die Prognose ist es unerlässlich zu wissen, wo die Bruchlinien verlaufen, ob ein Gelenk mitbetroffen ist und wie die einzelnen Knochenteile zueinander liegen. Erst dann kann entschieden werden, welche Behandlung nötig und möglich ist.

Ein Problem bei der Diagnose von Frakturen stellt die Tatsache dar, dass Pferde mit einem Frakturverdacht gar keinen Schritt mehr machen dürfen. Bei Belastung der Gliedmaße kann nämlich sonst aus einer Fissur eine echte Fraktur werden oder die Knochenenden verschieben sich. Das bedeutet aber, dass man das Pferd unbedingt auf der Weide, dem Reitplatz oder im Gelände an Ort und Stelle belassen muss und sofort den Tierarzt hinzu ruft. Bestätigt dieser den Frakturverdacht, so muss das Pferd entweder an Ort und Stelle geröntgt werden oder mit einem fachmännisch angelegten Schienenverband in eine Klinik gebracht werden.

Abb. GR7LDG80
Abb. GR7LDG80: Röntgenbild einer Fesselbeinfissur (Pfeil).

Abb. GR7LFTPK
Abb. GR7LFTPK: Röntgenbild einer Fesselbeinfraktur (Pfeil).

Behandlung

Problematisch bei der Behandlung von Knochenbrüchen beim Pferd ist ihr großes Gewicht. Allein schon durch das Stehen belastet das Pferd ein Bein ganz erheblich. Daher kann nur in einigen wenigen Fällen, in denen die Stabilität des Beines weitgehend erhalten ist wie z.B. bei einer leichten Fissur ohne Gelenkbeteiligung, versucht werden, das Pferd mit nur Boxenruhe und einem festen Stützverband zu behandeln. In den meisten Fällen ist es jedoch nötig, den Knochenbruch zu operieren. Dabei werden die Knochenstücke durch verschiedene Methoden künstlich wieder miteinander verbunden. Diese Vorgehensweise nennt man Osteosynthese. Dabei kommen je nach Bruchart Schrauben, Nägel, Platten oder auch der so genannte Fixateur externe zum Einsatz. Zusätzlich erhalten die Pferde entzündungshemmende Medikamente und häufig auch ein Antibiotikum, um eine Infektion der operierten Knochen zu verhindern.

Eine Osteosynthese wird unter Vollnarkose in spezialisierten Pferdekliniken durchgeführt. Diese besitzen speziell gepolsterte Aufwachboxen, in die das noch narkotisierte Pferd nach der Operation gebracht wird. Die Aufwachphase ist ein heikler Moment nach der Operation. Da ein Pferd ein Fluchttier ist, versucht es, sofort aufzustehen, wenn es aufwacht. Dabei ist es häufig noch sehr unsicher auf den Beinen. So besteht immer die Gefahr, dass es das operierte Bein so stark belastet, dass die Osteosynthese dem Gewicht nicht standhält und auseinander bricht.

Nach einer Osteosynthese muss das Pferd in absoluter Boxenruhe gehalten werden, um der Knochenheilung genügend Zeit zu gewähren. Zur Kontrolle des Heilungsverlaufs sollten regelmäßig Röntgenaufnahmen angefertigt werden. An das Stadium der absoluten Boxenruhe schließt sich ein kontrolliertes Bewegungsprogramm an, das ebenfalls streng eingehalten werden muss, damit das neu gebildete Knochenmaterial nicht zu starken Belastungen ausgesetzt wird.

Abb. GR7LLMRS
Abb. GR7LLMRS: Osteosynthese einer Fesselbeinfraktur.
Der Bruch wurde mit drei Schrauben stabilisiert.

Prognose

Heutzutage bedeutet nicht mehr jeder Knochenbruch gleich das Todesurteil für das Pferd. Moderne Operationsmethoden ermöglichen in vielen Fällen eine Rettung des Pferdes.

Die Prognose von Knochenbrüchen hängt von ihrem Ausmaß ab und variiert zwischen günstig und unheilbar. Einfache Brüche und Fissuren, die gleich durch Osteosynthese versorgt werden, haben eine günstige Prognose. Ungünstige Bruchlinien, viele Fragmente und Verschiebung der Bruchstücke erschweren die Osteosynthese. Brüche mit Beteiligung der Gelenkfläche führen leicht zu Knochenzubildungen im Gelenk im Sinne einer Arthrose. Ganz ungünstig sind offene Brüche, da bei ihnen immer die Gefahr einer bakteriellen Entzündung des Knochens besteht. Diese Brüche führen meistens dazu, dass das Pferd eingeschläfert werden muss.

Als weitere Komplikation kann sich während des Heilungsverlaufs eine Belastungs- Rehe am eigentlich gesunden Bein ausbilden. Da die Pferde über längere Zeit das verletzte Bein nicht belasten können, trägt das gesunde Bein der anderen Seite das ganze Gewicht und wird überlastet.

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Stand: 21.01.2013, © Copyright by www.enpevet.de
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