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Pferd: Kastration Hengst

Allgemeines

Bei der Kastration des Hengstes werden die beiden Hoden chirurgisch entfernt und so eine dauerhafte Zeugungsunfähigkeit erreicht. Einen kastrierten Hengst nennt man Wallach.

Ein Hengst hat zwei Hoden, die im Zwischenschenkelspalt im Hodensack liegen. Während der Entwicklung des Fohlens im Mutterleib liegen die Hoden zunächst in der Bauchhöhle etwa im Bereich der Nieren. Kurz vor der Geburt oder innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt steigen die Hoden ab. Das bedeutet, dass die Hoden durch einen engen Spalt, den Leistenspalt- oder kanal, aus der Bauchhöhle in den Hodensack wandern. Dabei behalten sie einen Überzug aus Bauchfell, den so genannten Processus vaginalis. Bauchfell nennt man die dünne Haut, die das Innere der Bauchhöhle überzieht. Der Processus vaginalis, der die Hoden auch im Hodensack überzieht, ist also eine Aussackung der inneren Auskleidung der Bauchhöhle.

Ein Hengst wird in der Regel zwischen 12 und 18 Monaten geschlechtsreif. Das bedeutet, dass die Hoden dann zum einen Samenzellen oder Spermien bilden, zum anderen aber auch männliche Geschlechtshormone wie Testosteron. Testosteron ist dafür verantwortlich, dass sich der Körperbau des Hengstes „männlich“ entwickelt, also muskulös und knochenstark wird, und dass der Hengst ein typisches dominantes, „hengstartiges“ Verhalten zeigt.

Abb. GR6IRUB1
Abb. GR6IRUB1: Harn- und Geschlechtsorgane des Hengstes.
Schematische Darstellung.

Manchmal steigt einer der Hoden nicht oder nicht vollständig ab. Er verbleibt dann entweder in der Bauchhöhle (abdominaler Hoden) oder im Leistenkanal (inguinaler Hoden). Den Nichtabstieg eines Hodens bezeichnet man auch als Kryptorchismus (griechisch „verborgen liegender Hoden“) und solche Hengste als Kryptorchiden oder Klopphengste. Kryptorchide Hoden produzieren keine Spermien, sie bilden aber genauso Testosteron wie ein abgestiegener Hoden. Klopphengste zeigen häufig sogar ein besonders ausgeprägtes hengstartiges Verhalten.

Abb. GR6IUFXI
Abb. GR6IUFXI: Hoden eines Pferdes nach der Kastration.
Im Vordergrund ein normal großer Hoden, im Hintergrund ein kryptorchider Hoden. Kryptorchide Hoden sind immer kleiner als normal. Sie müssen bei der Kastration aus der Bauchhöhle entfernt werden.

Je früher ein Hengst kastriert wird, umso weniger ausgeprägt ist sein hengstartiges Verhalten. Allerdings weist sein Körperbau dann meistens auch weniger Muskelmasse und Knochenstärke auf. Kastriert man einen älteren Hengst, so steigt das Risiko von postoperativen Komplikationen. Daher muss der Zeitpunkt der Kastration sorgfältig gewählt werden.

Operationsverfahren

Es gibt verschiedene Operationsmethoden, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Durch ein intensives Aufklärungsgespräch mit dem Tierarzt sollte die risikoärmste Variante für den jeweiligen Einzelfall ausgewählt werden.

Bei allen Operationsmethoden wird der Samenstrang durchtrennt und der Hoden und der Nebenhoden entfernt. Der Samenstrang besteht aus dem Samenleiter, Blutgefäßen, Nerven und einem kleinen Muskel. Bevor der Samenstrang durchtrennt werden darf, muss er mit einem geeigneten Instrument ausreichend gequetscht und/oder abgebunden (ligiert) werden, um die Gefahr einer Blutung zu minimieren.

Normalerweise werden die Hengste für eine Kastration in Vollnarkose gelegt. Die Vollnarkose kann natürlich in einer Pferdeklinik, aber auch auf der Weide und unter bestimmten Umständen im Stall durchgeführt werden (Achtung: Im Stall gibt es immer viele Bakterien, die zu einer Infektion der Operationswunde führen können. Außerdem kann sich das Pferd beim Aufstehen eher verletzen als auf der Weide). Ein unter Vollnarkose abgelegtes Pferd bietet den Vorteil, dass der Operateur den Operationsbereich gut einsehen kann und auf eventuelle Komplikationen besser reagieren kann.

Das Kastrieren am stehenden Pferd unter Sedierung und örtlicher Betäubung ist zwar möglich, aber aus oben genannten Gründen eher vorsichtig zu beurteilen. Für ältere Hengste ist es aus fachlicher Sicht abzulehnen.

Als Operationszugang wird meistens der Hodensack durch einen oder zwei Schnitte eröffnet. Danach gibt es folgende Vorgehensweisen:

Unbedeckte Kastration

Unbedeckt bedeutet, dass der Processus vaginalis während der Operation eröffnet wird. Die Quetschung oder Ligatur (Unterbindung) zur Vermeidung von Blutungen wird auf dem unbedeckten, also nicht vom Processus vaginalis überzogenen Samenstrang durchgeführt. Dadurch wird aber auch ein Zugang zur Bauchhöhle geschaffen. Eingeweide wie Dünndarmschlingen können durch den inneren Leistenring in den Leistenspalt rutschen und durch die Operationswunde Kontakt mit der Außenwelt bekommen. Das kann zu einer Infektion mit Bakterien und zu einer gefährlich Bauchfellentzündung führen.

Daher sollte die unbedeckte Kastration nur bei jüngeren Hengsten durchgeführt werden, deren innerer Leistenring noch eng ist. Die Gefahr, dass Eingeweide durch den Leistenspalt ins Freie rutschen ist damit geringer. Eine Kastration am stehenden Pferd ist immer eine unbedeckte Kastration.

Bedeckte Kastration

Bei der bedeckten Kastration wird der Processus vaginalis nicht eröffnet, sondern wird mitsamt dem Samenstrang gequetscht bzw. abgebunden. Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass keine Eingeweide aus der Bauchhöhle vorfallen können. Auch die Gefahr der Nachblutung ist geringer. Für ältere Hengste sollte immer eine bedeckte Kastrationsmethode gewählt werden. Die bedeckte Kastration kann auch von der Flanke aus durchgeführt werden.

Abb. GR6IZI2T
Abb. GR6IZI2T: Bedeckte Kastration.
Bei der Operation wird der bedeckte Hoden mit dem Samenstrang vorgelagert. Anschließend wird der Samenstrang abgebunden und mit einem gleichzeitig quetschenden und schneidenden Instrument durchtrennt.

Normalerweise wird der Hautschnitt am Hodensack nicht vernäht, so dass Wundflüssigkeit in den nächsten Tagen gut abfließen kann. Wenn das Pferd unter sterilen Klinikbedingungen kastriert wurde, kann die Hautwunde auch verschlossen werden.

Nachbehandlung

In den Tagen nach der Kastration sollte der Wallach ausreichend bewegt werden, entweder durch Weidegang oder durch Schrittführen. So wird erreicht, dass die Hautwunde nicht zu schnell verklebt und Wundflüssigkeit gut abfließen kann. Die Hautwunde kann auch mit einem milden Wasserstrahl geduscht werden.

Das Pferd muss in den nächsten Tagen besonders sorgfältig auf Nachblutung aus der Operationswunde und Fieberentwicklung als Zeichen einer Wundinfektion kontrolliert werden.

Komplikationen

Folgende Komplikationen können nach Kastration auftreten:

  • Blutung aus den Samenstrangstümpfen: Tropft helles Blut aus der Operationswunde, muss sofort ein Tierarzt hinzugezogen. Meistens muss das Pferd erneut in Narkose gelegt werden, damit die Blutung gestillt werden kann.
  • Darmvorfall aus der Kastrationswunde: Bei der unbedeckten Kastration kann es in den Folgetagen zum Vorfall von Darm- und Gewebeteilen aus der Wunde kommen. Auch dies ist ein Notfall, der dringend tierärztlicher Hilfe bedarf. Meistens muss das Pferd zur weiteren chirurgischen Behandlung in eine Klinik.
  • Wundinfektion und Flüssigkeitsstau: Durch die Kastration entstehen Hohlräume, die sich in den ersten Tagen nach der Operation mit Wundflüssigkeit füllen. Über den offenen Hautschnitt kann die Flüssigkeit in der Regel gut abfließen. Verklebt die Hautwunde vorzeitig, so staut sich die Wundflüssigkeit an und bietet einen idealen Nährboden für Bakterien. Die Bakterien vermehren sich rapide und führen zu einer Wundinfektion. Die Pferde sind matt und entwickeln Fieber. Der Operationsbereich ist stark geschwollen. Meistens kann der Tierarzt die Hautwunde am stehenden Pferd wieder öffnen, so dass die Wundflüssigkeit abfließen kann. Häufig benötigen die Pferde zusätzlich ein Antibiotikum.
  • Samenstranginfektion: Auch der verbliebene Samenstrangstumpf kann durch Bakterien infiziert werden, ohne dass ein Flüssigkeitsstau vorliegt. Die Pferde bewegen sich meist nur unwillig und können Fieber entwickeln. Der Samenstrang und der Hodensack sind verdickt und warm, dabei äußerst schmerzhaft (Vorsicht, Pferde können leicht bei der Berührung schlagen!). Die geschwollenen Bereiche können mit durchblutungsfördernden und entzündungshemmenden Substanzen behandelt werden, dabei sollte nichts in die Wundöffnung gelangen. Auch Duschen kann helfen. Bei Fieber und verklebten Wundrändern muss der Tierarzt die Hautwunde eröffnen und ein Antibiotikum geben.
  • Samenstrangfistel: Eine Samenstrangfistel ist eine chronische Entzündung des Samenstrangstumpfes, die sich langsam über Wochen oder Monate entwickelt. Sie kann sich auch aus einer Reaktion auf das Nahtmaterial entwickeln. Aus der auch nach Wochen noch nicht ganz abgeheilten Kastrationswunde entleert sich eitrige, schmierige Flüssigkeit. Der Samenstrang ist verdickt aber nicht schmerzhaft. Die Entzündung kann sich bis in die Bauchhöhle ausdehnen und zu einem Abszess führen. Eine Samenstrangfistel kann nur durch eine operative Entfernung des veränderten Samenstrangs behoben werden.

Abb. GR6IXABO
Abb. GR6IXABO: Samenstrangfistel.
Auf diesem Bild sieht man das veränderte Samenstranggewebe, das bereits aus der Bauchhöhle freigelegt wurde. Selbst eine so umfangreiche Samenstrangfistel ist von außen nur durch eine kleine Öffnung zu erkennen, aus der sich etwas eitrige Flüssigkeit entleert.

Stand: 18.10.2012, © Copyright by www.enpevet.de
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